Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- 9 (März 1928)
- Date
- 1928-03-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Assimilation an den modernen Zeitgeist, wir haben vielmehr festzustellen, daß die moderne Auffassung der Wohlfahrtspflege als soziale Hilfstätigkeit in produktivem Sinne nichts anderes ist als ein Zurückgreifen — bewußt oder unbewußt — auf die biblischen und altjüdischen Anschauungen. Den Hilfsbedürftigen nicht in ständiger Abhängigkeit erhalten, wie es bei persönlicher Unterstützung fast unausbleiblich ist, sondern ihm dazu verhelfen, daß er ein freier, selbständig schaffender Mensch wird, das muß der Sinn aller jüdischen Wohltätigkeit sein, das ist der Sinn des Wortes Zedakah. Das fordert in unserer Zeit von dem einzelnen den Verzicht auf die persönliche Darreichung der Gabe an den Armen und Jordert die Unterstützung und Förderung der Organisationen, die in dem angedeuteten Sinne tätig sind. EUGEN CASPARY VORSITZENDER DES WOHLFAHRTSAMTS D. JÜDISCHEN GEMEINDE, BERLIN : Trotz des kurzen zur Verfügung stehenden Raumes muß ich mit dem ältesten Witz anfangen: einem Bettler, der von Rothschild (andere sagen vom Kaiser Maximilian) unter Berufung auf seine Verwandtschaft von Adam her eine Gabe verlangte, wurden ein paar Pfennige gegeben — den Rest sollte er sich von seinen übrigen Verwandten geben lassen. Zu derselben Konsequenz wie der reiche Geber ist jeder genötigt, der, wo immer einer an sein Mitleid zu appellieren versteht, gibt, ohne hinzusehen; denn er hat zu viele arme Verwandte. [Wer ist reich genug, für die Armen Grofi-Berlins offenes Haus zu halten? Die Bevölkerungszahl ist nicht mehr so klein, daß einfach und in automatischer Regelung jeder Wohlhabende ein paar Arme übernehmen kann. Die Zahl der Bedürftigen ist so groß und im Verhältnis dazu die Summe, die der produktiven Wirtschaft für Wohlfahrtszwecke entzogen werden kann, so klein, daß planmäßig gewirtschaftet werden muß. Gewiß ist es vom Standpunkt des Gebers aus kein Unglück, wenn einer doppelt unterstützt wird; denn dann hat der Empfänger immer noch nicht zu viel. Aber es ist vom Standpunkt desjenigen Bedürftigen aus ein Unglück, dem damit etwas entzogen wird. Wo Ueberfluß herrscht, braucht man keine Planwirtschaft. Aber man muß denen, die Hilfseinrichtungen verlangen, wo nicht erst große Formulare auszufüllen sind, in denen man Familienverhältnisse und Dinge persönlichster Art zu enthüllen hat, Hilfseinrichtungen, die besinnungs- und rückhaltlos geben, in Erinnerung bringen, daß vorläufig immer noch mehr Bittende als Gebende auf den Wohlfahrtsstellen erscheinen! Sollen wir — was wir leicht könnten — an einem Tage unsere ganzen Mittel verausgaben, und wer sich vordrängt, hat den Vorteil, wer zurückbleibt, das Nachsehen? Wäre das „Zedakah"? Solange man nicht unbegrenzte Geldmittel nachweist, kann man nicht unbegrenztes Geben verlangen. Im Interesse der wahrhaft Hilfsbedürftigen — und das sind zumeist nicht die, die am lautesten jammern — müssen die Mittel rationalisiert werden, muß die Bedürftigkeit geprüft werden. 186