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Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge · 1928-03-01 · 9 (März 1928) · page 12

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Journal
Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
Volume
1 (1927-1928)
Issue
9 (März 1928)
Date
1928-03-01
Page
– (sequence 12)
Language
German
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in diesem eine Betätigungsmögliehkeit eröffnen. Die Not dieser und jener Kleingemeinde könnte gemildert werden, wenn mancher Begüterte sich entschlösse, diesem Rate zu folgen. Er käme aber damit vor allem dem Ideal nahe, das hier als das höchste der jüdischen Zedakah gekennzeichnet wurde. Die andauernde Mitarbeit von Privaten ist ja ohnehin auf diesem Gebiet nicht zu entbehren. Und das Problem, immer weiteren Kreisen die Heiligung des Sabbats zu ermöglichen, wird von den Organisationen allein am wenigsten gelöst werden, auch dann nicht, wenn es gelingt, Arbeitskolonien und Arbeitsstätten in größerem Maßstab zu errichten .und den Verein Schomre Schabbos neu und in neuer Art aufleben zu lassen. DR. HERMANN VOGELSTEIN GEMEINDERABBINER, BRESLAU: Es hieße tausendmal Gesagtes ganz unnützerweise wiederholen, wollte man die Beweise beibringen, daß Wohltätigkeit im Judentum von den ältesten Zeiten bis auf diesen Tag eines der wichtigsten religiösen Gebote und eine der obersten sittlichen Pflichten ist. Das Wort des Spruchdichters: „Wohltun rettet vom Tode" ist stets nicht nur im buchstäblichen Sinne gedeutet, sondern so verstanden worden, daß Wohltun dem Wohltäter selbst Segen bringt, indem der Lohn der guten Tat die gute Tat ist. Es braucht auch nicht wiederholt zu werden, daß das Wort Zedakah ursprünglich Gerechtigkeit, und zwar nicht im formal juristischen Sinne, sondern im Sinne der Billigkeit und der ausgleichenden sozialen Gerechtigkeit bedeutet, und daß sich aus dieser Bedeutung allmählich der Begriff der Wohltätigkeit, ja des Almosens entwickelt hat. Es sei auch nur noch mit einem Wort darauf hingewiesen, daß in dem Preislied des Weibes im biblischen Spruchbuch besonders hervorgehoben wird, daß sie ihre Hand dem Armen öffnet und dem Bedürftigen entgegenstreckt. So ist es im Judentum stets gehandhabt worden, so hat ein jeder nacli Möglichkeit selbst mit dem Armen Fühlung gehabt. Die Forderung des Wohltuns und der Hilfsbereitschaft bleibt in der Gegenwart die gleiche, ja vielleicht muß sie noch nachdrücklicher erhoben werden. Aber die Methoden müssen andere sein. Es ist an sich gewiß sehr schön, wenn ich persönlich mit meiner Gabe und mit meinem Rat Hilfe bringen kann. Aber was in den kleinen Gemeinden und kleinen Orten der früheren Zeit günstig wirkte, kann unter den völlig veränderten Verhältnissen heute recht oft Unheil stiften. In den großen Gemeinden und den großen Städten ist eine persönliche Fühlungnahme nur recht selten möglich, und es bestellt die Gefahr, daß diese persönliche Beziehung nicht zu einem sozialen Ausgleich durch Wohltun führt, sondern vielmehr zu einer gewissen Ungerechtigkeit, indem der eine Arme bevorzugt, ein anderer, von dem der Geber nichts weiß, zurückgesetzt wird und ohne Hilfe bleibt. Es darf nicht vergessen werden — und das ist in der Nachkriegszeit bei der wirtschaftlichen Proletarisierung unseres Mittelstandes ein sehr wesentliches Moment — daß es vielen sehr schwer fällt, an fremde Türen zu klopfen, und daß solchen viel 184

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