Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- 9 (März 1928)
- Date
- 1928-03-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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gionsgesetzes vorweggenommen ist. Das letzte Ziel aller Wohlfahrtspflege muß sein und bleiben, jeden einzelnen sittlich und in der Entfaltung der ihm gegebenen Fähigkeiten und Möglichkeiten so stark zu machen, daß er in die Reihe der Schaffenden eintritt. Nur wer gemäß seinen Gaben und dem Besonderen, das er darzubringen vermag, in seiner Weise, und sei es auch an der bescheidensten Stelle, mitarbeitet an einer der vielfältigen Aufgaben der Gesamtheit, erlangt seine Ehre und Würde als ein im Ebenbilde des Schöpfers geschaffenes Wesen. Er erst lebt mit dem Ganzen und an der Seite seines Nebenmenschen in dem einzigen Sinn, den der Begriff des Lebens für den Menschen haben kann. Es gibt kaum ein Wort, das mehr mißbraucht wird und in das Gegenteil von dem umgewandelt worden ist, was es bedeutet, als das Wort Unterstützung. Sein eigentlicher Sinn ist mit unvergänglichen Lettern in der genannten Schriftstelle zum Ausdruck gebracht. Sie sollte die leuchtende Inschrift der jüdischen Zedakah in ihrer heutigen Ausgestaltung sein. Alle großen sozialpolitischen Versuche der Neuzeit sind nur ein Tasten und Stammeln gegenüber den Idealen, die das jüdische Gesetz im Jobel und in anderen Institutionen ausgeprägt hat. In manchen Kreisen des Christentums wird der Bettel in der Theorie verherrlicht, während er in der Praxis bekämpft wird, Bei uns ist das Umgekehrte der Fall. Wir bekämpfen ihn in der Theorie und fördern ihn in der Wirklichkeit. Eben darum aber ist es umsomehr notwendig, die wahre Auffassung des Judentums mit allem Nachdruck zu vertreten. „Verrichte auch die niedrigst scheinende Arbeit vor den Augen der Oeffentlichkeit, damit Du nicht die Hilfe Deiner Nebenmenschen in Anspruch zu nehmen brauchst. Sprich nie, ich bin ein angesehener Mann, diese und jene Arbeit schickt sich nicht für mich," lehrt der Talmud. „Groß und heilig ist die Arbeit", meinen die Alten. Auch der erste Mensch' konnte im Paradies erst nach getaner Arbeit einen Genuß finden. Darum heißt es zuvor in der Schrift: „Gott führte ihn in den Garten Eden, damit er ihn bearbeite und behüte," während dann erst gesagt ist: „Von allen Bäumen des Gartens genieße!" Ein berühmter Rabbi meint an einer anderen Stelle: „Da Gott zu Adam sprach: ,Dornen und Disteln wird Dir der Ackerboden aufsprossen lassen, und des Feldes Kraut sollst Du essen6, entströmten seinen Augen Tränen, und er sprach: JHerr der Welt! Soll ich und mein Esel aus der Krippe essen?'. Als aber Gott fortfuhr: ,1m Schweiße Deines Angesichtes sollst Du Dein Brot essen6, war Adam befriedet." Was wir diesen Sätzen entnehmen? Der Schweiß der Arbeit ist kein Fluch, sondern höchster Segen im Sinne unserer Lehre. Wird das Paradies erst zum Paradies durch die Arbeit, so kann erst recht diese Erde nur durch die Arbeit zu einem Segen werden für den Menschen. Alle Mittel sind darum seitens der jüdischen Organisationen zu erschöpfen, um den vielen, die Arbeit suchen und nicht finden, Arbeitsmöglichkeiten zu verschaffen und diejenigen, die nicht arbeiten wollen, zur Arbeit zu erziehen. Ueber die Wege zu sprechen, 182