Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- 9 (März 1928)
- Date
- 1928-03-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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was in der heiligen Sprache der Väter Verstand und Gemüt zusamt bedeutet. „Chochmath lew" ist die wahre Weisheit überhaupt. In der Armenpflege ist sie die einzige, die zum Ziele führt. Mein Vater s. A. berichtet in seinen „Frankfurter Rabbinen" von einer Sage, die von einer längst verstorbenen armen Frau zu erzählen weiß, die man vor der Frankfurter Synagoge gesehen habe, und die darüber klagte, daß die Armen sich entwürdigen und von Haus zu Haus gehen müßten, um Almosen zu empfangen. An diese Erzählung knüpft der zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges lebende, um das Frankfurter Wohltätigkeitswesen vielverdiente Rabbinatsassessor Josef Hahn an, indem er schreibt: „Darum ist hier die .Einrichtung getroffen, daß die Beträge monatlich von seiten der Armenpfleger erhoben und Woche für Woche den Armen gegeben werden, damit diese nicht gezwungen sind, ihr Angesicht durch den Hausbettel zu beschämen." Die interessante Mitteilung setzt als selbstverständlich voraus, daß in der jüdischen Wohlfahrtsstelle niemals ein Armer beschämt werden kann, daß die, welche dort sitzen, gewiß allemal den rechten Ton und die rechte Art finden, sein Ehrgefühl nicht nur nicht zu verletzen, sondern zu erhöhen, ihn zu trösten und wahrhaft aufzurichten. Im Tempel gab es einst eine besondere „Halle der Verschwiegenen". Dorthin kamen, ohne daß jemand davon erfuhr, die verschämten Armen, viele aus den edelsten Familien. Eine ähnliche Einrichtung bestand, wie eine Tosefta erzählt, einst in jeder palästinensischen Stadt. Wir haben viel, unendlich viel aus diesen Angaben zu lernen. Keiner dürfte als beruflicher oder ehrenamtlicher Mitarbeiter der jüdischen Wohlfahrtspflege zugelassen sein, dem nicht jener feine Takt zu eigen ist, der jedem Menschen gerecht zu werden versteht. Auch heute gibt es der Wege genug, die es gerade der wohlgeordneten Wohlfahrtspflege ermöglichen, den Würdigsten und Besten der in Not Geratenen Hilfe zu bringen und zugleich, soweit menschliches Können das überhaupt vermag, Vorsorge zu treffen, daß jeder Mißbrauch ausgeschlossen ist. Sie wünschen zu wissen, ob die Entwicklung der Wohlfahrtspflege von der reinen Armenfürsorge zur produktiven Arbeitsfürsorge mit starkem sozialpolitischem Einschlag dem Sinn der alten Zedakah entspreche. Ich beantworte die Frage mit einem entschiedenen Ja. Ich habe noch nicht die im Sinne des Judentums höchste Stufe der Wohltätigkeit genannt. Diejenige ist es, die sich bemüht, den Verarmten durch ein Darlehen oder in irgendeiner anderen Form so zu stützen, daß sie ihn von der entwürdigenden Notwendigkeit befreit, auf die Hilfe der Nebenmenschen angewiesen zu sein. Nur, wer so handelt, meint Maimonides, erfüllt das Wort der Schrift: „So Dein Bruder verarmt und seine Hand wankt neben Dir, stütze ihn, damit er mit Dir lebe." Das will — der Meister folgt hier einer alten Ueberlieferung der Gesetzesquellen — sagen: Stütze ihn so, daß er nicht sinke! Man sieht auch hier wieder einmal, daß der gepriesene Fortschritt unserer Zeit längst von der Forderung des jüdischen Reli- 181