Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- 8 (Februar 1928)
- Date
- 1928-02-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Gebildeten sieh leichter an diese Arbeit gewöhnen. Die Landwittschaft dagegen erfordert schon etwas mehr Gewöhnung und körperliche Arbeit. Daneben gibt eine solche größere Anstalt die mannigfachste Beschäftigungsmöglichkeit in ihren eigenen Wirtschaftsbetrieben: Haus-und Küchenbetrieb, Waschküche, Kartoffelschälen, Gemüseputzen, Saalbedienung, Geschirrabwaschen, alles wird durch Männer besorgt. Ferner sind vorhanden Bürobetriebe, Ein- und Verkaufsabteilung, Schneiderei, Schusterei. Tischlerei, Schlosserei, Korbmacherei, Kokosweberei, Buchbinderei, Schmiede, Baubetrieb, Holzhof u. a. Also ein buntes Arbeitsbild bietet der tägliche Betrieb, und bei der Größe des Betriebes können viele Insassen in ihrem Beruf beschäftigt werden. Grundsätzlich muß jeder nach seinem Eintritt erst in der Außenarbeit tätig sein, da Innenplätze meist Vertrauensposten sind. In den kleineren Arbeiterkolonien mit 20 bis 50 Plätzen ist die Arbeitsgelegenheit natürlich nicht so mannigfaltig. Eine besondere Schwierigkeit bietet die Beschäftigung im Winter. Es gehört zum Wesen der Arbeiterkolonie, daß sie im Winter mehr Insassen hat als im Sommer, da im Sommer Land- und Saisonarbeiter leicht Arbeit bekommen, also im Frühjahr die Kolonie verlassen. Im Winter, wenn die normale Landwirtschaft ihre Kräfte entläßt, muß die Arbeiterkolonie dagegen besonders viele Menschen aufnehmen. Darum muß als Arbeitsgelegenheit, wenn irgend angängig, landwirtschaftliche Meliorationsmöglichkeit vorhanden sein, also Oedland oder Sümpfe, die in Kulturland verwandelt werden sollen. Die deutschen Arbeiterkolonien haben etwa 8000 ha Oedland in fruchtbares Acker- und Gartenland verwandelt. Besonders Bodelschwinghs Gründungen haben überall intensive Oedlandkultur getrieben. Dadurch wird das Winterproblem am besten gelöst. Wir haben vier Arbeiterkolonien, die in Städten liegen und rein gewerbliche Betriebe sind. Auch die ehemalige jüdische Arbeiterkolonie, die 1900 in Weißensee gegründet wurde, aber im Kriege einging, war mit 100 Plätzen auf gewerblichen Betrieb eingestellt, im besonderen auf Holzzerkleinerung, Bürstenmachen und Flechterei. Die gewerblichen Betriebe haben den Vorteil, daß sie von vielen Leuten gern benutzt werden; aber sie leiden unter Absatzschwierigkeit und bedeuten eine Konkurrenz gegen das freie Gewerbe. Daher verdient die ländliche Kolonie vom volkswirtschaftlichen Standpunkt aus den Vorzug. Die Arbeiterkolonien sind in Deutschland sehr verschieden verteilt. Naturgemäß sollten sie in der Nähe großer Industriezentren am zahlreichsten sein, am besten nicht mehr als 50 bis 70 km von Großstädten entfernt, damit die Hilfesuchenden von dort aus leicht und billig hinkommen und ebenso wieder zur Arbeit leicht zurückkehren können. Die meisten Arbeiterkolonien, und zwar 14, liegen in der Provinz Brandenburg mit 2500 Betten. Westfalen hat vier Kolonien mit 1200 Betten, Rheinland vier mit 500 Betten, Hannover eine mit 230 Betten, Sachsen eine mit 120 Betten, 153