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Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge · 1928-02-01 · 8 (Februar 1928) · page 4

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Journal
Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
Volume
1 (1927-1928)
Issue
8 (Februar 1928)
Date
1928-02-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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tempo in der Wanderordnung* zu verlangsamen, so daß weniger gewandert, sondern mehr gearbeitet wird. Insgesamt sind etwa 140 Wanderarbeitsstätten in Deutschland vorhanden. Im Jahre 1926 wurden 597 064 Personen in 741 871 Nächten aufgewiesen. Man sieht auch an diesen Zahlen, daß die durchschnittliche Aufenthaltsdauer nur l1/« Tag beträgt. Die deutschen Wanderarbeitsstätten sind zusammengeschlossen im „Gesamtverband deutscher Verpflegungsstationen (Wanderarbeitsstätten)'6, dessen Vorsitzender Landeshauptmann Dr. von Campe-Hannover ist. Die dritte Gruppe der Wandererfürsorgeeinrichtungen sind die „Arbeiterkolonie n". Sie haben im Gegensatz zu den Wanderarbeitsstätten die Aufgabe, den Wanderer und Arbeitsuchenden, der voraussichtlich keine Arbeitsstelle findet, solange aufzunehmen, bis ihm Arbeit nachgewiesen ist. Daher beträgt die durchschnittliche Aufenthaltsdauer dort etwa vier Monate, d. h. in Wirklichkeit sind tatsächlich arbeitsfähige Männer erheblich kürzere Zeit in der Kolonie, während die arbeitsschwachen oft jahrelang in der Anstalt bleiben. Das Wesen der Arbeiterkolonie läßt sich auch hier wie bei den Wanderarbeitsstätten kurz in die Worte fassen: „Arbeit statt Almosen'" oder anders ausgedrückt „Fürsorge durch Arbeit'*. Pastor D. von Bodelschwingh in Bethel ist ebenso, wie er der Hauptförderer der Wanderarbeitsstätten gewesen ist, auch der Begründer der ersten und größten Arbeiterkolonien gewesen. Die erste Kolonie Wilhelmsdorf bei Bethel wurde 1882 gegründet. Die Arbeiterkolonien sind nun im Lauf der Jahre immer mehr nicht nur Arbeitsgelegenheiten für arbeitslose Wanderer geworden, sondern sie sind vielfach Zufluchtsstätten für Menschen, die im Leben Schiffbruch erlitten haben. Dorthin flüchten Tausende von halben Kräften, die allein im Leben nicht durchkommen, geistig zurückgebliebene und willensschwache Naturen. Viele stellungslose oder vorbestrafte Kaufleute und Angestellte werden dort aufgenommen. Trinker suchen in der meist alkoholfreien Heimstätte Heilung von ihrer Not, Strafentlassene benutzen die Kolonien als Uebergang zum geordneten Erwerbsleben. Jeder Stand ist vertreten, vom Akademiker jeder Fakultät anfangend, gewesene Offiziere, Beamte, Angestellte, Kaufleute, Handwerker, Monteure, Industriearbeiter und Landarbeiter. Jeder, der in eine Arbeiterkolonie kommt, muß arbeiten. Meist handelt es sich um ländliche Kolonien, also um Garten- und Landarbeit. Wenn ich das Bild etwas deutlicher machen darf an den Hoffnungstaler Anstalten, an jenen Arbeiterkolonien, die nahe bei Berlin im Jahre 1905 von Bodelschwingh gegründet sind, deren Leiter der Schreiber dieser Zeilen ist, so gilt es hier, täglich etwa 600 Insassen in geeigneter Weise zu beschäftigen. Etwa 400 Insassen wohnen in den Hauptanstalten und werden auf 1600 Morgen Ackerland beschäftigt. Davon sind 200 Morgen gärtnerisch bebaut. Die Gärtnerei hat den besonderen Vorzug, daß sie besonders schwache und halbe Kräfte beschäftigen kann, und daß vor allem die vielen 152

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