Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- 7 (Januar 1928)
- Date
- 1928-01-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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WERKSTÄTTEN VON GERTRUD PROCHOWNIK I. LEHRWERKSTÄTTE FÜR HER REN MASS SCHNEI DER El Der Arbeitsgemeinschaft der Jüdischen Arbeitsnachweise (Abteilung für Berufsberatung) ist eine Lehrwerkstätte angeschlossen, in der 15—20 Lehrlinge für Herrenmaßschneiderei ausgebildet werden. Diese Werkstätte wurde gemeinsam mit der Gesellschaft „Ort" im April 1924 eingerichtet, um dem so fühlbaren Mangel an handwerklichen Lehrstellen abzuhelfen, und mit besonderer Rücksichtnahme auf die Kinder aus gesetzestreuen Häusern, die am Sabbath nicht arbeiten dürfen, und für welche die Beschaffung einer Handwerkslehre mit großen Schwierigkeiten verbunden war. Das entscheidendste Moment aber, das zur Gründung der Lehrwerkstätte führte, war in dem Bestreben zu suchen, Lehrlinge zu wirklichen Qualitätsarbeitern zu erziehen. Die Ausbildung mußte demgemäß so geregelt werden, daß die Lehrlinge ihre Gesellenprüfung vor Handwerkskammer und Innung ablegen konnten, wozu allerdings die Anerkennung durch den Minister für Handel und Gewerbe benötigt wurde. Diese war aber von vornherein nicht zu erlangen, denn es mußte erst der Beweis erbracht werden, daß eine durchaus vorschriftsmäßige Ausbildung der Lehrlinge gewährleistet wird. Zunächst wurde daher die Lehrwerkstätte als Schneiderschule der Aufsicht des Provinzial-Schulkollegiums unterstellt und in regelmäßigen Zeitabständen von Handwerkskammer und Innung in ihren Leistungen beobachtet. Erst nach dreijähriger Tätigkeit wurde die Ausbildung in der Lehrwerkstätte als Ersatz für die Meisterlehre vom Minister anerkannt und die bisherigen Schüler als Lehrlinge bei der Innung eingetragen. Sechs konnten bereits ihre Gesellenprüfung mit gut und sehr gut ablegen. Insgesamt wurden bisher unter Leitung von zwei Schneidermeistern 32 Lehrlinge in die Werkstatt aufgenommen. Davon sind z. Zt. fünfzehn in der Ausbildung, sechs haben ihre Gesellenprüfung abgelegt und elf sind als angelernte Arbeitskräfte entlassen worden. Hierbei muß bemerkt werden, daß z. T. auch Knaben in die Werkstatt aufgenommen worden sind, die nicht ganz vollwertig waren, die jedoch Lust und Liebe zum Handwerk hatten und in einer Privatlehre nicht unterzubringen waren oder nicht behalten wurden. Sie konnten in der Werkstatt mit Geduld und Liebe zu angelernten Arbeitskräften erzogen werden und sind dadurch in die Lage versetzt worden, jederzeit ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Der Lehrplan der Lehrwerkstätte ist streng geregelt. Der Lehrling verpflichtet sich zu einer VA jährigen Lehrzeit. Die Ausbildung ist kostenlos. Die Lehrlinge erhalten eine in jedem Halbjahr steigende Entschädigung. Die Arbeitszeit ist von Montag bis Freitag auf 40 Arbeitsstunden festgesetzt, wovon ein Tag für die Fortbildungsschule abgeht. Die Knaben im letzten Lehrjahr sind verpflichtet, eine Fachschule zu besuchen. 134