Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- 6 (Dezember 1927)
- Date
- 1927-12-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2709108-2709109-2709114--130-2709308- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Arbeit wird eben nicht höher bewertet als Durchschnittsarbeit. Natürlich muß man hierbei von Einzelfällen absehen und nur die allgemeine Tendenz in Betracht ziehen. Vom Standpunkte der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland birgt diese Situation auf dem Arbeitsmarkte aber noch eine weit größere Gefahr in sich als die, daß die ältere Angestelltenschaft — und dazu redinen leider schon solche Personen, die mit 30 Jahren das Unglück haben, ihre Stellung zu verlieren, — entweder vollständig proletarisiert wird oder durch alle möglichen und unmöglichen Provisionsvertretungen eine wirtschaftlich geradezu klägliche Existenz zu fristen oder gar Unterstützung zu empfangen gezwungen ist. Diese schlimmere Gefahr liegt darin, daß alle Maßnahmen, die schulentlassene Jugend anderen als kaufmännischen Berufen zuzuführen, unmöglich gemacht werden. In den Stellengesuchen der Arbeitsnachweise wie auch in den Zeitungen nehmen die offenen kaufmännischen Lehrstellen heute einen überwiegenden Platz ein, während handwerkliche Lehrstellen selbst in der gut beschäftigten Bauindustrie schwerer zu finden sind. Jede Einwirkung selbst von Seiten der Lehrerschaft, die jüdische schulentlassene Jugend möglichst dem Handwerk zuzuführen und somit eine Beruf sumschichtung der deutschen Judenheit herbeizuführen, wird illusorisch, wenn der übergroßen Zahl kaufmännischer Lehrstellen nur geringe oder gar keine handwerklichen gegenüberstehen. Es kommt noch hinzu, daß der kaufmännische Lehrling bei dreijähriger Lehrzeit monatlich 20,— Mk. verdient, während der handwerkliche Lehrling bei vierjähriger Ausbildungszeit einen Wochenlohn von 3,— Mk. erhält. Noch größer aber ist die Versuchung zur Annahme einer Laufburschenste]- hing, denn hier kann der Schulentlassene bereits 10,— bis 12,— M, wöchentlich verdienen. Diese Tatsachen sprechen eine zu deutliche Sprache, als daß man noch weiter ausführen muß, wie ungünstig die Aussichten für eine durchgreifende Berufsumschichtung der deutschen Judenheit zur Zeit liegen, denn daß eine solche nur in der Lehrlingszeit überhaupt durchgeführt werden kann, ist heute wohl Allgemeingut derjenigen Stellen, die sich mit dem Problem ernsthaft beschäftigen. Eugen Samson-Breslau. Die Notlage der Angestellten Die erhebliche Entlastung des Arbeitsmarktes seit Beginn 1927 hat sieh für die Angestellten in geringerem Maße als für die Arbeiter ausgewirkt. Die Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung stellt soeben die Gesamtzahl der in der Erwerbslosenfürsorge und Krisenfürsorge Unterstützten seit Januar 1927 zusammen. Es geht daraus hervor, in wie starkem Maße der Anteil der Angestellten innerhalb der Gesamtzahl der unterstützten Arbeitslosen angewachsen ist. Unter Angestellten werden in der Arbeitsnachweisstatistik die Berufsgruppen: Kaufmännische Angestellte. Büroangestellte, Techniker und freie Berufe geführt. Ende Januar 1927 betrug die Gesamtzahl der Hauptunterstützungsempfänger 1 903 857. Davon gehörten zu den Angestellten 130 780. Auf 100 Hauptunterstützungsempfänger kamen 6,9 Angestellte. Ende September 1927 war die Zahl der Hauptunterstützungsempfänger auf 476 850 gesunken. Von ihnen waren Angestellte 79 958. Es kamen jetzt 16,8 Angestellte auf 100 Hauptunterstützungsempfänger. Von der Gesamtzahl der unterstützten Arbeitslosen waren — gegenüber Januar 1927 — Ende September 25% noch in Unterstützung, dagegen von den unterstützten Angestellten 61%. Der geringeren Aufnahmefähigkeit des Arbeitsmarktes für Angestellte und der aus sachlichen Gründen geringeren Arbeitsbeweglichkeit unter den arbeitslosen Angestellten entspricht die längere Dauer der Arbeitslosigkeit bei den Angestellten gegenüber den Arbeitern. Die Dauer der Arbeitslosigkeit bei den Angestellten wird dadurch gekennzeichnet, daß verhältnismäßig mehr Angestellte als Arbeiter aus der ErwTerbslosenfürsorge in die Krisenfürsorge übergegangen sind. Von den im 119