Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- 6 (Dezember 1927)
- Date
- 1927-12-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2709108-2709109-2709114--129-2709307- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
RUNDSCHAU Arbeitsmarktlage und Berufsumschichtung Der rapide Rückgang der Erwerbslosenziffern bei den öffentlichen Arbeitsnachweisen ist sicher auch bei den caritativen Arbeitsnachweisen in starkem Maße bemerkbar gewesen. Jedenfalls zeigen die Zahlen der bei dem jüdischen Arbeitsnachweis Breslau gemeldeten Stellungslosen eine wesentliche Abnahme gegenüber dem Stande der Erwerbslosigkeit im Vorjahre, ja sogar gegenüber dem Stande bei Beginn des Sommers. Leider ist aber die Abnahme nicht für alle Berufsschichten und Altersklassen gleichmäßig gewesen, sondern sie erstreckt sich lediglich auf die unteren Altersklassen in jeglichen Berufen. Eine statistische Aufnahme der gemeldeten Personen läßt erkennen, daß nahezu 50% sämtlicher gemeldeten Erwerbslosen bereits das 40. Lebensjahr überschritten haben. Daß nun seitens des jüdischen Arbeitsnachweises nicht sämtliche jüdischen Erwerbslosen erfaßt werden, bedarf keiner Erwähnung, daß aber von den nicht gemeldeten jüdischen Erwerbslosen wiederum der größte Teil sich aus älteren Personen rekrutiert, ist darauf zurückzuführen, daß die Möglichkeiten der Unterbringung auch durch den jüdischen Arbeitsnachweis zur Zeit für diese Altersgruppen außerordentlich geringe sind. Es bedeutet ja für den Praktiker des caritativen Arbeitsnachweiswesens keine Neuigkeit, daß die Zahl der sich meldenden Erwerbslosen in starkem Maße abhängig ist von der Zahl der Stellen, die durch den Arbeitsnachweis beschafft werden können. Die Rationalisierung der Wirtschaft aber, wie sie fast allgemein heute in Arbeitgeberkreisen verstanden wird, hat es mit sich gebracht, daß ältere Arbeitskräfte, vor allen Dingen im kaufmännischen Beruf, nidit neu angestellt werden und an ihre Stelle junge und jüngste Arbeitskräfte, in hohem Maße sogar Lehrlinge treten. Dieser Zustand, der in gleicher Weise auch im öffentlichen Arbeitsnachweiswesen bemerkbar ist, bedeutet ein völliges Novum auf diesem Gebiete gegenüber der Vorkriegszeit und dürfte bei einer eventuellen weiteren Verbesserung des Arbeitsmarktes auch für die Arbeitgeberseite redit unliebsame Folgen zeitigen. Denn es wird sich herausstellen, daß qualifizierte Arbeitskräfte immer mehr vom Arbeitsmarkt verschwinden, weil man als qualifizierte Arbeitskräfte einen großen Teil dieser älteren Erwerbslosen bezeichnen kann. Es sind doch vielfadi solche, die nadi jahrzehntelanger Tätigkeit bei einzelnen Firmen abgebaut wurden. Es ist nidit am Platze, hierüber moralische Wertungen anzustellen; man muß diese Tatsache, wie sie liegt, betrachten und Erwägungen anstellen, ob und inwieweit eine Aenderung der Situation herbeigeführt werden kann. Solche Aenderung dürfte aber kaum ohne gesetzgeberische Maßnahmen zur Zeit gesdiaffen werden können und zwar in der Art, daß ähnlich wie bei Schwerkriegsbeschädigten die Arbeitgeber verpflichtet werden, einen gewissen Prozentsatz älterer Angestellter zu beschäftigen. Daß eine Beschränkung der Kündigungsmöglidikeiten gegenüber älteren Angestellten, wie sie teilweise gesetzlich bereits verwirklicht ist, zum Ziele führt, ist sehr zweifelhaft, sondern sie dürfte vielmehr dazu führen, daß der bestehende Zustand verewigt wird. Man wird dann überhaupt nidit mehr langfristige Anstellungen von Angestellten im deutschen Wirtsdiaftsleben antreffen. Wenn von Arbeitgeberseite die Tarifpolitik der Angestelltenverbände für den augenblicklichen Zustand verantwortlich gemacht wird, so geschieht dies nur zu einem sehr geringen Teil mit Recht. Dies wird sofort klar, wenn man die Tariflöhne betrachtet, die auch für ältere Angestellte in fast allen Branchen außerordentlich niedrig gehalten sind, da sie ja nur Mindestlöhne festsetzen sollen. Leider kann man aber feststellen, daß diese Mindestlöhne zumeist als Höchstlöhne betrachtet werden. Hochqualifizierte 118