Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- 6 (Dezember 1927)
- Date
- 1927-12-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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es ist alles sehr primitiv, und wir leiden unter dein Schmutz mehr als unter der schweren Arbeit. Ich schreibe erst heute am Sonntag, denn während der Woche ist dazu keine Zeit. Ich werde Ihnen von jeder Aenderung Mitteilung machen. Unser Arbeitgeber ist vorläufig sehr zufrieden und fürchtet, daß wir weggehen könnten." Fast alle Arbeiter klagen über Einsamkeit und bitten, daß man ihnen Zeitungen, Zeitschriften und Bücher besorge. Einige wollen ihr Fachwissen ergänzen und bitten um Literatur über Geflügel- und Viehzucht. Milch- und Käsebereitung, Gärtnerei und ähnliches. Es ist selbstverständlich heute noch verfrüht, über ernsthafte Resultate dieser Aktion zu sprechen. Man muß immerhin bedenken, daß die französische Provinz, insbesondere das Dorf dem osteuropäischen Juden bis vor ganz kurzer Zeit völlig unbekannt waren: Fremde Umgebung, fremde Sprache und ganz ungewohnte Lebensbedingungen und Gewohnheiten. Der bisherige Versuch kann nur als Beweis dafür dienen, nach welcher Richtung die Arbeit gelenkt werden muß. Man muß versuchen, körperlich kräftige jüdische Arbeiter, die auch moralisch für die Arbeit geeignet sind, der französischen Landwirtschaft zuzuführen, damit sie im Laufe der Zeit, wenn sie die ersten Schwierigkeiten überwunden haben werden. Pächter und später Besitzer werden können. Die Elemente, die heute noch leichten Erwerb suchen, müssen beseitigt und unsere Aufmerksamkeit auf jene konzentriert werden, die ihre Existenz hier auf schwerer und ehrlicher Arbeit begründen wollen. Für derartige Elemente sind die Aussichten in der französischen Landwirtschaft günstig. Wenn sie in genügender Zahl vorhanden sein werden, wird auch allmählich eine jüdische Bauernsiedlung in Frankreich entstehen können. OST J U DE N EI NW AN D ER U NG UND MÄDCHENHANDEL Die eigenartige Tätigkeit des Deutschen Nationalkomitees zur Bekämpfung des Mädchenhandels, über die hier bereits eingehend gehandelt wurde"), erfährt du ich die nunmehr vorliegende Antwort des .Ministeriums des Innern an das Arbeiterfürsorgeamt eine entscheidende Verurteilung: „Das Deutsche Nationalkomitee zur Bekämpfung des Mädchenhandels ist eine rein private Vereinigung. Herr Regierungsrat Dr. Kundt, der nidit meinem Ressort, sondern dem Auswärtigen Amt angehört, hat die Informationsreise nach Oberschlesien lediglich in seiner Eigenschaft als Schriftführer des Komitees unternommen. Wenn in dem Bericht, den Herr Dr. Kundt über seine Reise erstattet hat, von meiner Zustimmung zu dieser Reise unter Anführung eines Erlasses die Rede ist, so bezog sich diese Zustimmung nur auf die Dienstreise des Leiters der Zentralpolizeistelle zur Bekämpfung des Mädchenhandels, des Kriminalkommissars Dr. Nordhausen, dem Herr Dr. Kundt sich angeschlossen hat. Daß das Nationalkonütee diesen Bericht in der von Ihnen angegebenen Weise verbreitet hat, kann auch ich nur bedauern. Er gibt ein völlig schiefes, wenigstens heute nicht mehr zutreffendes Bild von den Verhältnissen an der oberschlesisdien Grenze und muß besonders im Auslände zu Deutungen Anlaß geben, die der deutschen Sache nicht förderlich sind. Ich glaube mich aber zu der Annahme berechtigt, daß das Auswärtige Amt, dem der Zentralverein der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens den Sachverhalt gleichfalls unterbreitet hat, auf Grund meiner Aeußerung zu dieser Eingabe geeignete Schritte unternehmen wird, um weiteren schädlichen Wirkungen des Berichts im Auslande vorzubeugen. Ebenso stehe ich nicht an, zu erklären, daß ich den verletzenden Vorwurf, den Herr Dr. Kundt gegen Ihre Organisation erhoben hat, tief bedauere. Die *) S. Nr. 3/4 und 5 dieser Zeitschrift. 116