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Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge · 1927-11-01 · 5 (November 1927) · page 9

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Journal
Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
Volume
1 (1927-1928)
Issue
5 (November 1927)
Date
1927-11-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
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die aber infolge der politischen und ökonomischen Verhältnisse nirgends festen Fuß fassen können. Alle diese Schwierigkeiten sollen uns jedoch nicht abhalten, alle Mittel zu versuchen und unsere ganze Kraft einzusetzen, die Organisation zu fördern. Hierbei müssen wir uns unbedingt von dem Prinzip leiten lassen, Almosen möglichst durch Gewährung von Arbeitsbeschaffung entbehrlich zu machen. Wenn auch unsere ganze Fürsorge auf dem Prinzip der Zedokoh, der ausgleichenden Gerechtigkeit ruht, so gibt es aber auch ein noch höheres Gebot, das da lautet: Melochoh w'lau Zedokoh, Arbeit und nicht Almosen*4. Wenn die Bibel sagt: Wenn dein Bruder verarmt, so sollst du ihn stützen, so meint sie damit nicht, du sollst ihm ein Almosen reichen, sondern du sollst ihn durch Beschaffung von Arbeit — bezw. bei Gewerbetreibenden durch Verfügungstellung eines Darlehens — wieder aufrichten und zu stützen suchen. Mit Almosen ist keinem gedient, nicht dem Geber, der wohl den bedürftigen Wanderer im Augenblicke los wird, und nicht dem Empfänger, dem wohl das Almosen im Augenblick hilft, das ihn aber der Arbeit entwöhnt und demoralisiert. Es müßten also Arbeitsstätten eingerichtet werden, möglichst über ganz Deutschland verbreitet, je eine am Sitz einer Provinz- oder Landeskasse. Diese Anregung ist übrigens so alt wie die Wanderfürsorge-Organisation selbst und schon bereits im Jahre 1909 bei Gründung der ersten Organisation als ein praktisches Mittel allseits anerkannt worden. Diese kleineren Arbeitsstätten hätten den Vorteil, daß sie leicht zu errichten wären und keine größeren Mittel benötigten, weder zu ihrer Errichtung noch zur Unterhaltung. In diesen Arbeitsstätten müßte für vorübergehende Arbeitsleistung Verpflegung oder Bargeldunterstützung gegeben werden, bezw. sollte Beköstigung, Beherbergung sowie Beförderung durch diese Arbeitsstätten gegeben sein. Ein Allheilmittel würden solche Arbeitsstätten natürlich auch nicht bilden. Einmal deswegen, weil ein Teil der Wanderer wegen Alter, Krankheit oder sonstiger Ursachen nicht zu verwenden wäre, aber auch zum anderen Teil — und das ist der springende Punkt — weil viele wegen ihrer Einstellung die Arbeit verweigern würden. Die übergroße Zahl der Wanderer steht eben auf dem Standpunkte, daß die jüdischen Gemeinden dazu da seien, ihre Bedürfnisse auch ohne Gegenleistung zu befriedigen, und merken dabei nicht oder sind sich dessen nicht bewußt, wie sie sich selbst damit degradieren und erniedrigen. Der Leiter der weltbekannten Bodelschwingh'schen Anstalten in Bielefeld, Pastor Braune, führt in einem Aufsatz diesen Gedanken des Segens der Arbeit aus: „Wenn in der Wohlfahrtspflege immer die Fürsorge für den einzelnen Hilfsbedürftigen der leitende Gesichtspunkt ist, so geschieht auch, die Gewährung der Arbeit in erster Linie deshalb, damit der Hilfsbedürftige den Segen, d. h. den sittlichen Wert der Arbeit kennen lernen soll. Also die ethischen Motive stehen an erster Stelle. Für den Verwahrlosten und Arbeitsscheuen ist die Arbeit das wirksamste Erziehungsmittel, zumal dann, wenn es gelingt, ihm die Freude an der Arbeit beizubringen." Es gibt wirklich nichts schöneres, als einem Menschen das Gefühl beizubringen, daß er sich die Befriedigung seiner Bedürfnisse durch seine Arbeit selbst verdient hat. 93

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