Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- 5 (November 1927)
- Date
- 1927-11-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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ginnen. Als die Neuorganisation im Jahre 1925 wieder erstand, konnte auf den Grundsätzen der vor dem Kriege bestandenen Organisation aufgebaut und die gewonnenen Erfahrungen verwertet werden. Es sei daran erinnert, daß die grundlegenden Gedanken und die treibenden Ideen trotz der Jahre und des Umschwungs der Meinungen nicht im mindesten sich geändert haben. Es sei mir gestattet, zum Beweis dessen einige leitende Sätze aus meinem Referate im Jahre 1909 anzuführen, Ich sagte damals: ,.Es muß kurz und scharf betont werden, daß wir an die Opferwilligkeit der Gemeinden größere Ansprüche, als sie bisher gestellt sind, nicht stellen wollen. Kurz und scharf muß audi betont werden, daß wir die Wohltätigkeit nixht herunterschrauben, daß wir den Wohltätigkeitssinn nicht verkümmern wollen. Im Gegenteil, wir wollen durch unser Zutun die Wohltätigkeit verbessern, wir wollen ihren Strom vertiefen und regulieren, wir wollen das Wohltun in vernünftige Bahnen lenken. Wir wollen arbeitsfähige Leute nicht zu Bettlern degradieren, sondern an Arbeitsstätten sie anstatt mit dem entehrenden Almosen mit Arbeitsgelegenheit versorgen. Wir wollen Wanderer nicht von Station zu Station, nidit kreuz und quer durch Deutschland ziehen lassen, vielmehr durch unsere Organisation und unsere Reformen bewirken, daß sie auf rasdiestem und bestem Wege ihrem Ziele entgegenkommen. Wir wollen kein Geld sparen. Die Organisation soll keine Finanzmaßregel bedeuten, nicht die einzelne Gemeinde lediglich finanziell entlasten. Jede einzelne Gemeinde soll nicht mehr, aber auch nicht weniger Geld bereitstellen als bisher, sie soll es nur nicht ausgeben in ihren Gemeinden, in den Privathäusern, sondern auf vernünftigere Art durch die Zentralen." Sind diese Erwägungen nicht noch heute voll und ganz maßgebend? Wohl haben der Krieg und die Nachkriegszeit die jüdische W ander für sorge vor schwierigere Aufgaben gestellt, als sie früher bestanden. Vor dem Kriege stand das große Auswandererland Amerika den Bedrückten aus dem Osten in vollem Maße offen. Es bestand keine oder nur geringe Schwierigkeit, Grenzen der einzelnen Länder auf legale Weise zu überschreiten. Der Arbeitsmarkt war nicht beschränkt. All das ist nicht mehr vorhanden. Der Krieg und die Friedensverträge, die ihn beschlossen, haben Hunderttausende von den Seßhaften, Guten zu Wandernden gemacht, ungeheueren jüdischen Massen durch Zwang den Wanderstab in die Hand gedrückt. Wenn wir vor dem Kriege zu einem großen Teil es mit älteren und arbeitsunfähigen Wanderern zu tun hatten, so sind es heute zum allergrößten Teil junge, arbeitsfähige Menschen, die die Not und Umstände, an denen sie nicht immer selbst sdbuld sind, den Wanderstab ergreifen lassen. Das Problem der Versorgung dieser Wanderer ist deswegen so ungemein schwierig, weil die Grenzen gegen die Auswanderung ganz oder fast ganz verschlossen sind. Der Typ der professionellen Wanderbettler, der vor dem Kriege einen großen Prozentsatz der Wandernden ausmachte, ist fast verschwunden, statt dessen sind es heute arbeitsfähige und auch zum Teil arbeitswillige Menschen, 92