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Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge · 1927-11-01 · 5 (November 1927) · page 4

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Journal
Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
Volume
1 (1927-1928)
Issue
5 (November 1927)
Date
1927-11-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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können den Bedürftigen — deren viele bessere Tage gesehen haben — nicht Lumpen geben. Das ist unserer Gemeindebehörde nicht gleichgültig. Fiskalische Gründe treten zurück, wenn es gilt, die hier Beschäftigten nicht auf die Straße zu setzen: diese durch Schicksalsschläge herabgedrückten Menschen dürfen nicht gewaltsam und gegen ihren Willen zu Schnorrern gemacht und Almosenempfänger werden. Das darf nicht geschehen. Das gäbe ein unheilvolles Beispiel im ganzen Reiche. Es ist oft und oft auf diese Einrichtung Berlins als ein Vorbild für alle großen, mittleren und kleineren Gemeinden hingewiesen — Berlin darf gerade bei dieser sozialen Einrichtung nicht abbauen, sondern die Berliner Gemeinde muß vielmehr in dieser Richtung weiter vorwärts gehen. Die größte Gemeinde Deutschlands hat nun einmal Verpflichtungen. Es bleibt noch eine Frage zu untersuchen: Ist die Wirtschaft imstande, beliebig viele Menschen — auch wenn sie arbeitsfähig sind — aufzunehmen, oder ist die Erwerbslosigkeit die natürliche Grenze der Aufnahmefähigkeit der Wirtschaft für Arbeitskräfte? Obgleich der Malthusianismus von einem großen Teil der Theoretiker, ganz und gar aber in der internationalen Praxis der Sozialpolitik aufgegeben worden ist, bleibt doch die von Malthus dekretierte Unmöglichkeit einer sozialen Fürsorge eine ständige Warnung und Mahnung für die Bestrebungen der Arbeitsfürsorge. Denn wenn auch sicherlich für jeden Arbeitswilligen Arbeit und Nahrung vorhanden sind, so sind doch die Schwierigkeiten einer rationellen Arbeitspolitik, die jeden auf den Platz stellt, auf dem er gebraucht wird und wo er Nahrung findet, tatsächlich so ungeheuer groß, daß ein fast heroischer Optimismus und der zäheste Arbeitswille und die geschmeidigste und anpassungsfähigste Organisation dazu gehören, hier auch nur langsam vorwärts zu kommen. Wenn ich bedenke, welche Hoffnungen, Erwartungen, Wünsche und Versprechungen im Herbst 1915 auf der Genter internationalen „Konferenz zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit" geäußert wurden, wenn ich bedenke, wie einmütig, arbeitswillig und arbeitsfreudig damals alles war, so muß ich doch zugestehen, daß wir heute, 14 Jahre danach, auch noch nicht sehr viel weiter gekommen sind. Gewiß, der Krieg hat alle internationalen Besprechungen, welcher Art auch immer, zerstört, und eben derselbe Krieg hat dafür die internationale Regelung der Arbeit in seinem Friedensvertrage gebracht. Zur Zeit, da diese Zeilen geschrieben werden, 13 Jahre nach der Genter Konferenz, tagt, mit einem ehemaligen französischen Minister an der Spitze, in Berlin der Verwaltungsrat des internationalen Arbeitsamtes. Aber werden nicht gleichzeitig, eben hier in Berlin, Arbeitskämpfe, Lohn- und Tarifkämpfe ausgefochten, von deren Erbitterung der x4ußenstehende nur deshalb nichts ahnt, weil sie sich zumeist hinter verschlossenen Türen abspielen; Straßenbahner, Hochbahner, Bauarbeiter, Bergwerksarbeiter — sie alle kämpfen um Lohn, Urlaub, Krankheitsentschädigung. Arbeitsbedingungen. Und wieder müssen wir sagen: gerade die Stellung der jüdischen Arbeitsfürsorge ist auf dem allgemeinen Kampfplatze die ungünstigste. Als ich auf der erwähnten Genter 88

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