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Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge · 1927-11-01 · 5 (November 1927) · page 3

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Journal
Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
Volume
1 (1927-1928)
Issue
5 (November 1927)
Date
1927-11-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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nicht zu schämen brauchte. Es ist unbestreitbare Tatsache, daß die Erkenntnis der Notwendigkeit und der feste Wille zur Arbeit vieles und alles vermag, und es ist glaubhaft, daß Aufklärung und Erziehung hier nicht nur vieles, sondern alles ändern werden. Die Propaganda des C. V. (Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens), die Propaganda und die beispielgebende Tat des R. J. F. (Reichsbund jüdischer Frontsoldaten) werden den Gedanken der produktiven körgerlichen Arbeit in der jüdischen Allgemeinheit populär machen. Die erliner Gemeinde leistet in ihrem Werkheim (Tagesheim und Werkstätte für erwerbslose Jugendliche) praktische Erziehungsarbeit an den Jugendlichen. Hier werden die Schulentlassenen erreicht, bevor sie noch die Freiheit der Großstadt mit ihren „Genüssen" recht kennen lernen, im bildungs- und erziehungsfähigen Alter wird ihnen der Segen der Arbeit theoretisch und praktisch demonstriert. Alle diese Bestrebungen haben bereits schöne Erfolge gezeitigt. Darum darf wohl gesagt werden: Vieles, das meiste, was über die Untauglichkeit der jüdischen Erwerbslosen zur Umstellung und Neuverwertung ihrer Arbeitskraft gesagt wird, ist Vorurteil. Und dieses Vorurteil bereitet der produktiven Fürsorge ungleich viel größere Schwierigkeiten als das wenige, was an ihm richtig ist. Das sind die Schwierigkeiten, die auf Seiten der Arbeitgeber der Einstellung jüdischer Arbeitskräfte gemacht werden. x\lfred Berger hat in seinem Referat auf unserer diesjährigen Berliner Maitagung auf den bedrohlich um sich greifenden Prozeß der Boykottierung jüdischer Angestellter hingewiesen. Er hat auch mitgeteilt, daß selbst in Betrieben, die nicht rein christlich sind, sondern jüdische Direktoren haben — wie einige Großbanken, Elektrizitätsunternehmungen usw. — diese Schwierigkeit besteht, jüdische Angestellte oder Lehrlinge unterzubringen. Hinzuzufügen ist, daß hier wie überall der jüdische Antisemitismus der schlimmere ist. Allzuhäufig sträuben sich auch rein jüdische Firmen gegen die Einstellung jüdischer x\ngestellter oder gegen die Beschäftigung jüdischer Handwerker. Und es soll vorkommen, daß Juden zwar „privatim" wohltätig sind, im Geschäft aber mit Juden nichts zu tun haben wollen. Das ist ein schmachvoller und beschämender Zustand. Hier ist viel Aufklärungsarbeit zu leisten. An dieser Stelle soll auch das verständnisvolle Verhalten des Vorstandes der Berliner Gemeinde gegenüber den Erwerbslosen hervorgehoben werden, die unter keinen Umständen Almosenempfänger werden möchten, die vielmehr „Arbeit*" leisten wollen. Berlin hat die aus der Zeit der Notstandsmaßnahmen herrührende produktive Fürsorge der Peah-Kleiderkammer aufrecht erhalten, trotzdem Wirtschaft und Arbeitsmarkt eine gewisse Erleichterung und Besserung erfahren haben. Es muß immer noch die verhältnismäßig geringe Anzahl von 25 bis 30 Menschen beschäftigt werden, zumeist Erwerbsunfähige, für den Konkurrenzkampf des Arbeitsmarktes Untaugliche, die sich redlich mühen, zu den ortsüblichen Tariflöhnen Gegenleistungen auszuführen. Und diese Gegenleistung ist auch tatsächlich eine, die gebraucht wird. Wer soll austragen, einholen, sortieren, flicken, ausbessern usw.? Die Kleiderkammer erhält nicht die besten Sachen. Sie müssen instand gesetzt werden. Wir 87

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