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Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge · 1927-09-01 · 3-4- (September-Oktober 1927) · page 26

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Journal
Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
Volume
1 (1927-1928)
Issue
3-4- (September-Oktober 1927)
Date
1927-09-01
Page
– (sequence 26)
Language
German
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darf doch nicht verkannt werden, daß der Arbeitsnachweis besonders in wirtschaftlichen Krisenzeiten ein unzulängliches Instrument ist, ein Instrument, das für gewisse Kategorieen und gewisse Fälle dringend der Ergänzung durch produktive Fürsorgemaßnahmen bedarf. Auch die geforderte „möglichst schnelle" Berufsumschichtung ist theoretisch durchaus richtig, praktisch aber von ungeheuerlicher Schwierigkeit. Man kann Menschen unter 20 Jahren leicht umschichten und umschulen, man kann es schon schwer bei Dreißigjährigen, und überhaupt nicht bei Aelteren. Berufsumschulung ist eine Angelegenheit die sich nicht von heut auf morgen durchführen läßt, denn eine gelungene fachliche Umschichtung erfordert jahrelange Ausbildung. Man kann zwar kaufmännische Angestellte in sechs Wochen zu Chauffeuren machen, aber nicht zu Elektrotechnikern, Tischlern. Ebenso kann man nicht in so kurzer Zeit einen Buchhalter in einen Verkäufer umwandeln und umgekehrt. DieVorschläge der Referenten kranken nicht, wie es der Verfasser bemängelt, daran, daß sie für viele Kategorien zeitweilige Arbeitsstellungen bedeuten, sondern dies ist im Gegenteil ihr entscheidender Vorzug. Es sollen nicht Dauereinrichtungen und Däuerheime für den einzelnen geschaffen werden, sondern die zu schaffenden Einrichtungen haben eben den Sinn, aus ihrer wirtschaftlichen Position geworfene Menschen vorübergehend aufzunehmen, damit ihnen die Schnorreisen durch ganz Deutschland erspart bleiben. Der enge herzustellende Zusammenhang dieser Institutionen mit dem Arbeitsnachweis soll die möglichst schnelle Wiedereinreihung in den Wirtschaftsprozefi sichern. Dies ist der Sinn und der Wert der diskutierten Einrichtung. Ueber die Form der zu errichtenden Arbeitsstelle läßt sich natürlich streiten, da uns jegliche Erfahrungen auf diesem Gebiete fehlen. Die Hauptstelle beabsichtigt auch gar nicht, sich sklavisch an die Bodelschwingh'schen Kolonien anzulehnen, obwohl diese Form der produktiven Wanderfürsorge mancherlei Erfolge für sich buchen kann. Daß jüdische Strafgefangene die württembergischen Arbeitskolonien nicht aufsuchen wollten, beweist an sich nichts gegen diese Institutionen, aber selbst, wenn sie gerechten Anforderungen nicht entsprechen sollten, haben wir es ja in der Hand, bessere Institutionen zu schaffen. Was schließlich noch die finanzielle Ueberprüfung des Dyck'- schen Projektes betrifft, so ist hierzu zu sagen, daß diese Berechnungen reine Rentabilitätsrechnungen sind, die von einem geliehenen und verzinslichen Kapital ausgehen. Gelingt es der Hauptstelle, wenigstens einen Teil des notwendigen Kapitals unverzinslich zur Verfügung gestellt zu bekommen, so würde sich der Kostenfaktor wesentlich günstiger stellen. Im Uebrigen ist das Dyck'sche Projekt von ersten Fachleuten und Sachkennern überprüft worden (so von Geheimrat Aereboe, dem Leiter des betriebswissenschaftlichen Instituts der Berliner landwirtschaftlichen Hochschule, und von Pastor Braune, dem besten Kenner dieses Gebietes), die ihm das Zeugnis, daß es „tatsächlich wirkungslos und finanziell verfehlt ist" nicht gegeben haben. Im Uebrigen sei der Vollständigkeit halber noch erwähnt, daß der Landesverband Württemberg für jüdische Wohlfahrtspflege am 22. 11. 25 als erster Landesverband auf Vorschlag des Herrn Stadtrabbiner Dr. Rieger, Stuttgart in einer Resolution beschlossen hat, die Hauptstelle daran zu erinnern, „daß die Errichtung von Arbeitskolonien in ganz Deutschland dringend erforderlich ist". Und zum Schluß noch ein Wort zur Konstatierung der Besonderheiten der jüdischen Wanderung als „jüdisches Schicksal". Es ist richtig, daß das Ausgestoßenwerden jüdischer Arbeiter aus dem Wirtschaftsprozeß aller Länder bei eintretenden Wirtschaftskrisen ein „natürlicher" Vorgang ist, da jedes Land sich bei Arbeitslosigkeit gegen Ausländer wehrt. Aber das Natürliche dieses Prozesses liegt doch nur auf Seiten des Wirtschaftsprozesses, und nicht dessen, der davon betroffen wird. Wenn es nun seit Jahrhunderten zu den Eigenheiten einer bestimmten Volksmasse gehört, stets zuerst und aufs Schwerste von der natürlichen Entwicklung der Wirtschaft 82

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