Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- 3-4- (September-Oktober 1927)
- Date
- 1927-09-01
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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Kategorien, mit denen es die Wanderfürsorgeorganisation zu tun hat, sind so verschiedenartige, daß es nicht angängig erscheint, zwischen Abfertigungen und Abgefertigten ohne Differenzierung zu scheiden. Es mag zugegeben werden, daß als Hilfsbegriff es nicht uninteressant ist zu wissen, wieviel Einzelwanderer es in Deutschland überhaupt gibt (ein Drittel der zitierten Zahlen mag das Richtige treffen), aber diese Zahl besagt nichts über den wirklichen Umfang, die Intensität und Stärke der Wanderung, die doch nur ersehen werden kann aus den Vorsprachen, die bei allen Kassen insgesamt zu verzeichnen waren. Im übrigen stimmt es nicht, daß die jüdische Wanderung zu 75% Durch Wanderung ist. Die Ziffern des Jahres 1926 haben ergeben, daß 30% allein deutsche Staatsangehörige waren. Diese Ziffer dürfte sich in diesem Jahre noch um 10% erhöhen. Aber auch die verbleibenden 60% dürften höchstens nur zur Hälfte von reinen Durchwanderern beansprucht werden. Die restierenden 30% sind Ausländer, die seit Jahr und Tag in Deutschland ansässig sind, und deren Wanderproblem wohl die größte Aufgabe ist, vor die sich die Hauptstelle gestellt sieht. Der Forderung einer wirklichen Statistik ist Genüge geschehen, und sie kann nicht einwandfreier gebracht werden, als sie die Hauptstelle zu publizieren bemüht ist. Was nunmehr das Problem der Produktivierung der jüdischen Wanderung betrifft, so will uns scheinen, als ob der Verfasser theoretisch die Produktivierung zwar begrüßt, praktisch aber die Formen und das Material der Produktivierung ablehnt, also eine Produktivierung ohne Produktivierungsformen und ohne Menschen wünscht. Zuerst lehnt er die Durchwanderer ab, die nach seiner Berechnung 75% der Wanderung ausmachen. Völlig zu Unrecht. Die Durchwanderung durch Deutschland geschieht nicht im D-Zug- Tempo. Die Hauptstelle ist bemüht, alle jene Menschen, deren Durch Wanderung paßrechtlich gesichert ist, möglichst schnell zu ihrem Ziel zu bringen. Selbstverständlich kommt diese Kategorie von Personen für die Produktivierung nicht in Betracht. Die Masse der Durchwanderer, die in Deutschland gar nicht verbleiben wollen, die aber doch gezwungen sind, für Wochen und Monate in Deutschland zu warten, weil ihre paßrechtlichen, staatsrechtlichen Verhältnisse ungeklärt sind, ist nicht gering. Diesen Menschen gilt es vorübergehend nicht Almosen, sondern Beschäftigung zu geben, damit ihr unnützes Umherwandern eingedämmt wird. Produktivierung heißt in diesem Zusammenhang nidit Sefihaftmachung (kein Referent hat das behauptet) nicht Produktivierung des Wanderers, sondern Produktivierung der Wanderun- und ihrer Fürsorge. Weiterhin schließt der Verfasser von allen Produktivierungsmaßnahmen (hier sicher mit Recht) die Alten und Kranken aus, denen anderweitige Unterbringung und Unterstützung gesichert werden muß. Den Schnorrer aber, der durch jahrelanges Wandern jeden inneren Halt verloren hat. ebenfalls unterschiedslos abzulehnen, heißt vielmehr den tieferen Sinn unserer Versuche verkennen, heißt Hilfsmaßnahmen von vornherein zu Abwehrmaßnahmen abstempeln. Wir sind verpflichtet, jede Möglichkeit der Hilfe für jene Menschen zu organisieren und auszunutzen (d. h. Produktivierung der Wanderfürsorge) und haben kein Recht, sie die Schuld der jüdischen Gesellschaft doppelt entgelten zu lassen. Denn daß jene jahrelang schnorrend herumziehen, das ist unsere Schuld, die wir nicht dadurch aus der Welt schaffen, daß wir jeden Versuch ernsthafter Hilfsmaßnahmen für jene Menschen ablehnen. Schließlich lehnt der Verfasser jegliche produktive Fürsorgemafinahme für alle jene Menschen ab, denen manuelle Tätigkeit fremd ist. Sicherlich ist die direkte Arbeitsunterbringung in den angelernten Berufen die produktivste Hilfsmaßnahme, und daß der jüdische Arbeitsnachweis in Zusammenhang mit der Wanderfürsorge neue und entscheidende Bedeutung bekommt, ist ja von allen Referenten der Tagung immer wieder betont worden. Aber es 81