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Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge · 1927-09-01 · 3-4- (September-Oktober 1927) · page 23

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Journal
Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
Volume
1 (1927-1928)
Issue
3-4- (September-Oktober 1927)
Date
1927-09-01
Page
– (sequence 23)
Language
German
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tisemitiseher Bewegung stellenlos geworden sind. Aber audi für diesen Bruchteil wäre es verfehlt, etwa durch landwirtschaftliche oder handwerkliche Arbeiterkolonien Arbeitsstellen zu schaffen. Für ihn ist ein guter Arbeitsnachweis das wichtige Gegenmittel und vor allem eine tatkräftige Berufsumschichtung das gebotene Korrektiv. Wird es jüdischen Angestellten in der chemischen Industrie immer schwerer, Anstellung zu finden, so muß der jüdische junge Mann rechtzeitig entschieden vor dem Ergreifen dieses Berufes gewarnt werden. Ist aber der Beruf gewählt, dann muß sofort ein Berufswechsel in die Wege geleitet werden. Nachfrage regelt den Bedarf. Läßt die Nachfrage nach einem Erzeugnis nach, so wird der einsichtige Erzeuger dessen Herstellung einschränken. Sind Juden in einem bestimmten Industriezweig nicht unterzubringen, so müssen sie ihn meiden. Es wäre aber ganz verfehlt, etwa solche jüdische Angestellte vorerst in einer Kolonie unterzubringen und sie dort warten zu lassen, bis sich die Sachlage ändert. Wortreiche Klagen sind hier nutzlos. Vernünftige Verwertung der Arbeitskräfte gebietet als einzigen Ausweg die Wahl eines neuen Berufes. Hier bietet die Zuführung jüdischer junger Menschen zu den Berufen der mittleren Beamtenlaufbahn besonders aussichtsreiche Möglichkeiten. Das Ergebnis der theoretischen Ausführungen zum Problem der Verwertung der Arbeitskraft der jüdischen Wanderer hätte also lauten müssen: Helft Juden, die in Industrien oder Betrieben gelernt haben, welche die jüdische Mitarbeit ausschalten, zu möglichst schneller Berufsumschichtung! Dagegen ist für die Produktivierung eines zahlenmäßig wahrscheinlich sehr geringen Restteiles der jüdischen Wanderung in Deutschland Abhilfe zu beschaffen. Hier können die in Berlin gemachten Vorschläge eine Wendung zum Besseren vorbereiten. Leider kranken diese Vorschläge mit Ausnahme eines einzigen daran, daß sie den Wanderer zu lange auf den neuen Beruf vorbereiten, der ja tatsächlich kein neuer Beruf, sondern eine zeitweilige Arbeitsstellung bedeuten soll. Den richtigen Weg hat die Brockensammlung und Kleiderkammer des Wohlfahrtsamtes der Berliner jüdischen Gemeinde gezeigt, die eine größere Anzahl gelernter und ungelernter Arbeiter beschäftigt. Ein solches Unternehmen ist aber nur in wenigen Großgemeinden denkbar. In Gemeinden wie Stuttgart wäre auf diese Weise für zwei bis drei Arbeiter Beschäftigung zu schaffen — sicher keine Abhilfe bei einer Durchwanderung von 600 Personen! Die in Berlin vorgeschlagene Schaffung landwirtschaftlicher Kolonien nach dem Vorbild der Bodelschwingh'schen Anstalten, die einen großen Prozentsatz der deutschen Wanderung in sich aufnehmen, ist sicher gut gemeint, aber durchaus verfehlt. Seit Jahren versucht die Stuttgarter jüdische Abfertigungsstelle jüdische Wanderer den württembergischen landwirtschaftlichen Kolonien zuzuweisen — ohne den mindesten Erfolg. Nicht einmal Strafentlassene Juden wollen sie aufsuchen und noch weniger in ihnen verbleiben. Landwirtschaftliche Kolonien sind für landwirtschaftliche und vielleicht auch für ungelernte Arbeiter die rechte Unterkunftsstelle. Unter den jüdischen Wanderern befindet sich aber nur ausnahmsweise einmal ein landwirtschaftlicher Arbeiter. Die Durchwanderer wehren sich instinktiv gegen die ihnen vorgeschlagene Zuführung in solche Kolonien, weil sie fühlen, daß sie hier am falschen Platze stehen und von hier aus nie in eine wirtschaftlich unabhängige Stellung gelangen können. Der Vorschlag wird aber geradezu zu einem Fehlschlag, wenn die jüdische landwirtschaftliche Kolonie „lediglich als Uebergangsheim gedacht ist, bis es gelungen ist, den einzelnen Wanderer auf Grund seiner Eignung und Fähigkeit in Arbeit zu bringen (S. 18)". Als Dauerheim und bleibende Arbeitsunterbringung ist die Kolonie denkbar. Als Uebergangsheim ist sie nur für die verschwindend kleine Zahl der jüdischen landwirtschaftlichen und ungelernten Arbeiter möglich. Das Dyksche Projekt, das fünfzig Wanderer in zwei bis drei Jahren (S. 50) unterbringen will, ist also kein geeignetes Mittel zur Produktivierung der jüdischen Wanderung. Falls die Zahl der jüdischen Wanderer im letzten Jahre wirklich 22 000 betragen hat, so sind selbst in fünf solchen Kolonien 250, d. h. etwa zweieinhalb Prozent der Gesamtzahl unterzubringen. Falls diese 250 Plätze im Laufe dieses Jahres wirklich vier- bis fünfmal belegt werden können, würden dann im Höchstfalle erst 12% Proz. der Wanderer vorübergehende Unterkunft gefunden haben. Und was wird mit den übrigen 87/4 Prozent? 79

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