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Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge · 1927-09-01 · 3-4- (September-Oktober 1927) · page 22

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Journal
Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
Volume
1 (1927-1928)
Issue
3-4- (September-Oktober 1927)
Date
1927-09-01
Page
– (sequence 22)
Language
German
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tigkeit nicht zugeführt werden können. Zu den Ueberalterten müssen alle Wanderer gezählt werden, die das 55. Lebensjahr überschritten haben. Ich wage die Behauptung, daß die arbeitsfähigen und arbeitswilligen jüdischen Wanderer in Deutschland zu 75% Durchwanderer sind, die gar nicht den Willen und nur selten den Wunsch haben, in Deutschland zu verbleiben. Es sind Menschen, die der deutschen Sprache kaum oder nur mangelhaft mächtig sind, zumeist Tschechoslowaken, Ungarn, Polen, Litauer und Rumänier. Ferner müssen von der verbleibenden Restzahl alle jene abgezogen werden, die zu ihrer Arbeitsstätte reisen, und jene, die aus bestimmten familiären Gründen (wie Eheleute, die zu ihrer Familie, oder Kinder, die zu ihren Eltern) unterwegs sind, um die reine Zahl der zu produktivierenden Wanderer zu erhalten. Schließlich müssen die Berufsschnorrer, Menschen, welche durch jahrelanges Wandern die sittliche und seelische Kraft zu ehrenhafter Arbeit verloren haben, und die geradezu als pathologische Erscheinungen betrachtet werden müssen, sowie die Sammler, die im wesentlichen zu diesen Berufssdmorrern gezählt werden müssen, ebenfalls aus der Gesamtzahl der zu produktivierenden Personen ausgeschaltet werden. Die verbleibende Restzahl gibt erst die wirkliche Zahl derer an, die für eine Seßhaftmachung und Produktivierung in Betradit kommen. Aber auch abgesehen von diesen Einschränkungen ersdieint die offiziell mitgeteilte Zahl der jüdischen Wanderer weit übertrieben. Die einzelnen Abfertigungsstellen zählen die von ihnen weiterbesorgten Wanderer, und es scheint, daß die mitgeteilten Zahlen die Anzahl der Abfertigungen, aber nicht die wirkliche Zahl der Abgefertigten angeben. Auch gegen einen wesentlichen Teil der „Grundsätzlichen Bemerkungen zur jüdischen Wanderfürsorge" muß Einspruch erhoben werden. Es ist richtig, daß die jüdische Wanderung in Deutschland ein Teil der allgemeinen jüdischen Wanderung ist, daß Deutschland als die Brücke von Ost nach West jede Ersdiütteruner im Westen oder im Osten in Form der jüdischen Wanderung miterlebt. Aber eben dieser zahlenmäßig größte Teil der jüdischen Wanderung in Deutschland ist nur Durchwanderung, 78 kommt also für die Produktivierung der Arbeitskraft der Wanderer nicht in Betracht. Daß diese Wanderer in Deutschland, in Belgien und Frankreich als erste bei der Stillegung der Betriebe wie bei Eintreten einer Arbeitslosigkeit ihre Arbeitsstellen einbüßen, um einzustellenden inländischen Arbeitern Platz zu madien, ist nur natürlich. Es ist also durchaus irreführend, diese Tatsache als ..jüdisches Schicksal" auszudeuten. Daß der Versuch der Seßhaftmadiung und Produktivierung dieser ausländischen jüdischen Wanderer in Deutschland mißglücken mußte, ist selbstverständlich. Hier heißt es gründlich umzulernen und den einzigen riditigen Weg für diese Durchwanderer zu wählen: Produktiviert sie in ihren Ursprungsländern, schafft sie auf kürzestem Wege in ihre Ursprungsländer zurück und sudit sie dort in die Wirtsdiaftsordnung (nach dem Vorgang der ORT-Gesellsdiaften) einzureihen! Die Aeußerungen gegen die Warnungslisten, in denen die arbeitssdieuen oder gar verbredierisdien jüdischen Wanderer verbucht werden, sind von falscher Sentimentalität diktiert, die nirgends, am wenigsten aber bei der Beurteilung der jüdischen Wanderung, Bereditigung hat. Es ist unbedingt notwendig, daß soldie Listen vorhanden sind, welche die Abfertigungsstellen vor Täusdiung sdiützen und zugleidi den jüdischen Wanderer vom Berufsschnorrer und Schwindler sdieiden. Bei diesen Listen handelt es sidi nidit „um irgendeinen, der sidi an irgendeinem Ort unhöflich benommen hat", sondern um Menschen, die jahrelang die Kassen brandschatzen und durch ihre Gaunereien das Judentum beschimpfen. Es ist geradezu falsch, wenn behauptet worden ist, daß zufällig bekanntgewordene Geriditsstrafen eines Wanderers von irgendeiner deutsdien Abfertigunsrsstelle als Grund zu einer Abweisung betrachtet worden sind. Aus jahrzehntelanger Mitarbeit kann idi behaupten, daß mir ein soidier Fall nidit bekannt ist. Das Problem der Verwertung der Arbeitskraft der jüdischen Wanderun*? in Deutschland geht also in seinen letzten Auswirkungen darauf zurück, daß sidi der Versuch der Produktivierung mit wenigen Ausnahmen auf diejenigen Wanderer zu beschränken hat, die infolge der Nachwirkungen des Krieges und durch die schmachvolle Boykottierung jüdischer Angestellter infolge an-

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