Mannheim
Compact Memory

Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge · 1927-09-01 · 3-4- (September-Oktober 1927) · page 20

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
Volume
1 (1927-1928)
Issue
3-4- (September-Oktober 1927)
Date
1927-09-01
Page
– (sequence 20)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/2709108-2709109-2709112--085-2709261
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

ner Länder stehen würden, aus denen sie nach Frankreich eingewandert sind. In fast allen europäischen Ländern wie auch in Amerika finden wir in den Großstädten von Juden bewohnte Stadtbezirke. In London oder New- York z. B. sind sogar jüdische Ghettos entstanden. Es ist aber klar, daß diese Ghettos nicht dem äußeren Zwang ihre Existenz verdanken, sondern daß sie eine freiwillige Zusammenballung von Menschen darstellen, die den natürlichen Drang haben, infolge ihrer Zugehörigkeit zur gleichen Religion und zur gleichen Rasse zusammen zu leben. Diese modernen Ghettos können aber nie als eine politische Gefahr für die Einwanderungsländer angesehen werden. Denn die Juden verlassen ihr Geburtsland, in dem sie politische und religiöse Verfolgungen zu ertragen hatten, endgültig. Sie verlegen ihren Wohnsitz in neue Länder und schaffen hier eine Heimat für ihre Kinder und Kindeskinder. Das soziale und politische Leben der eingewanderten Juden hat keinen Stützpunkt bei der Regierung der Länder, die sie verlassen haben, im Gegenteil, sie stützen sich viel stärker auf die Regierung ihrer neuen Heimat, in der sie für immer bleiben wollen. Ganz anders geartet ist die Einwanderung aus gewissen Ländern, deren imperialistische Tendenzen nicht zu verkennen sind. Ist es doch bekannt, daß eine der Ursachen, die zum Weltkrieg und zur Zerstörung Europas geführt haben, die Ambitionen einiger Großmächte waren, die danach strebten, ihre nationalen Minderheiten, die in anderen Ländern lebten, voll und ganz unter den Schutz der Heimatstaaten zu nehmen. Deshalb muß ein Einwanderungsland darauf bedacht sein, daß bei ihm keine nationalen Minderheiten entstehen, deren Ziel nicht nur die allgemeine Verbesserung ihrer sozialen Lage ist (was selbstverständlich ist), sondern, die sich zu kompakten und disziplinierten Siedlungen organisieren, die dann ihren Heimatsländern als Mittel zur Erreichung bestimmter wirtschaftlicher und politischer Begünstigungen beim Abschluß internationaler Verträge dienen. Der Hinweis des Direktors des Internationalen Arbeitsamtes, Albert Thomas — der das Vorwort zum Buche des Herrn MarcelPan geschrieben hat — daß Frankreich in den letzten Jahren nach dem Kriege ein Einwanderungsland geworden ist, trifft zu. Hat sich doch in den drei Jahren Januar 1922—Januar 1925 die Zahl der Ausländer um 1 Million vergrößert. Am 1. Januar 1925 befanden sich in Frankreich 2 845 000 Ausländer, davon 807 659 Italiener. Wir ersehen daraus deutlich, welche Bedeutung die Einwanderungsfrage für Frankreich erlangt hat. Es ist deshalb auch klar zu verstehen, weshalb Volkswirtschaftler, Soziologen und Staatsmänner bemüht sind, das Parlament zu klaren Bestimmungen zur Einwanderung zu veranlassen, ungeachtet der Tatsache, daß bestimmte private Kreise bestrebt sind, aus dem gegenwärtigen Zustand Nutzen zu ziehen. Die gegenwärtig geltenden Bestimmungen zur Einwanderung sind verstreut in verschiedenen Dekreten und Erlassen (Gesetz vom 16. Juli 1912, Dekret vom 15. November 1920, Ergänzungen vom 6. Juni 1922, 25. Oktober 1924 und vom 9. September 1925, darüber hinaus noch in einer Reihe Sonderbestimmungen, die im Zusammenhang mit den Handelsverträgen stehen, die Frankreich mit den verschiedenen Regierungen geschlossen hat). Diese Bestimmungen müssen unbedingt revidiert und vereinheitlicht werden. Auf welche Weise dies geschehen muß, und wie Frank reich seine Einwanderungspolitik so regelt, daß es Gastfreundschaft bietet all denen, die aus politischen, religiösen oder nationalen Gründen verfolgt werden, ohne daß gleichzeitig die politischen und nationalen Interessen Frankreichs ungünstig beeinflußt werden, — dies findet man in dem überaus interessanten Buch des Herrn Marcel Pan. Andre Spire, Paris. (Mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift „Die jüdische Emigration.") 76

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.