Mannheim
Compact Memory

Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge · 1927-07-01 · 1-2 (Juli-August 1927) · page 50

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
Volume
1 (1927-1928)
Issue
1-2 (Juli-August 1927)
Date
1927-07-01
Page
– (sequence 50)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2709108-2709109-2709111--058-2709233
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

nicht zuletzt die Rentabilität des landwirtschaftlichen Unternehmens, dessen wichtigster Bestandteil und vor allem ideologisches Mittel ja dieses Heim mit seinen Insassen ist. Einen solchen Mann für die Leitung des Heims unter den Juden zu finden, dürfte nicht schwer sein. ad 2. Die Leitung des landwirtschaftlichen Betriebes muß einer Persönlichkeit anvertraut werden, die selbstverständlich die notwendigen beruflichen Fähigkeiten und Erfahrungen haben muß, um einem solchen Unternehmen vom Standpunkt der landwirtschaftlichen Organisation und Technik mit Aussicht auf den höchstmöglichen Erfolg vorstehen zu können. Dieser Betriebsleiter muß aber außerdem auch bei den Bemühungen, die Wanderer produktiver Arbeit und in vielen Fällen eigentlicher Berufsausbildung zuzuführen, Herz und Willen haben, in der Behandlung der Menschheitsfragen einen wesentlichen Teil seiner Leistung zu sehen. Es ist klar, daß diese Persönlichkeit in vollständiger Harmonie mit dem Vorstand des Heims zusammenarbeiten muß, wenn der Gesamtzweck des Unternehmens erreicht werden soll. Der Leiter des Betriebes, der die Qualitäten haben muß, wie ich sie soeben geschildert habe, muß aber auch durch eine angepaßte Disziplin Ordnung und Arbeitsleistung durchsetzen können und muß so alleinige, periodisch kontrollierte Verfügungsgewalt über Aufnahme, Behandlung und Entlassung seiner Arbeiter haben. Ein Einmengen von Institutionen oder Personen in die Durchführung nicht nur der Arbeiten, sondern auch der Behandlung der Arbeiter würde die Aufgabe des Betriebsleiters stark erschweren oder gar ihre Erfüllung unmöglich machen. Ich glaube bestimmt, daß auch für die Betriebsleitung eine jüdische Persönlichkeit zu haben ist, würde es aber für keinen Nachteil in irgendeiner Richtung halten, wenn die Stellung einem Nichtjuden übertragen würde. Psychologische Gründe sprechen sogar sehr dafür. Unter einem Nichtjuden würden die Wanderer schneller zu Ordnungsdasein und Disziplin kommen, weil sie auf das „weiche Herz" nicht ohne weiteres rechnen und trotzdem sehr gerecht behandelt sein könnten. ad 3. Während der Beschäftigung der Wanderer wird sich bald zeigen, welche unter ihnen durch die Betätigung im Betrieb nur vorübergehenden Erwerb finden sollen, und welche aus Eignung und erworbener Fähigkeit einer richtigen beruflichen Ausbildung in der Landwirtschaft und den mit ihr verbundenen Nebenbetrieben wie Gärtnerei, Gutsschmiede. Stellmacherei, Brennerei etc. zugeführt werden können. Entsprechend diesen beiden Möglichkeiten werden in der Arbeit die Wanderer verschieden zu behandeln sein. Wenn unterstellt wird, daß auf einem für uns in Frage kommenden Betrieb ca. 50 Wanderer Arbeit und Berufsausbildung finden sollen, so müßte das zu erwerbende Objekt an Flächenausmaß so groß sein, daß die auf ihm dauernd zu beschäftigende Arbeiterschaft etwa 250 arbeitende Personen ausmachen würde. Diese Notwendigkeit ergibt sich aus der Tatsache, daß, um den Betrieb nicht von vornherein in Verfall kommen zu lassen oder zumindest seine Rentabilität nicht außer Acht zu setzen, vier Fünftel der für den Betrieb notwendigen Arbeitskräfte beruflich qualifiziert und mit diesem Betrieb und seiner Betriebsform verbunden und vertraut sein müssen. Ein solcher Betrieb müßte aber je nach der Stufe der Intensität und den mit ihm verbundenen Nebenbetrieben ca. 8—12 000 Morgen groß sein. Nun kommt aber ein solches Objekt mit Rücksicht auf den hierfür notwendigen Geldaufwand wohl kaum in Frage. Wenn nun im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten ein Objekt etwa im Ausmaße von 2000 Morgen in Aussicht genommen werden kann, so würde man aus Gründen der Zweckmäßigkeit in den Betrieb für den Anfang nur etwa 10 bis 15 Wanderer aufnehmen und beschäftigen können, und allmählich nur im Rahmen der Ertüchtigung der bereits im Betriebe arbeitenden Stammarbeiterschaft neue Wanderer aufzunehmen in der Lage sein. Dieser Prozeß der Aufsaugung von bis zu 50 Wanderern durch den Betrieb dürfte in 2—3 Jahren durchführbar sein. Eine Beschleunigung dieses Vorgangs könnte erreicht werden durch zweckmäßige Behandlung und Ausbildung der Wanderer und durch Intensivierung des Betriebes. Um aber auch noch auf einem relativ kleinen Betriebe von Anfang an eine größere Anzahl von Arbeitern beschäftigen zu können, müßten Ameliorationen ausgeführt oder Nebenbetriebe eingerichtet werden. So würde der eigentliche landwirtschaftliche — 50 —

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.