Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- 1-2 (Juli-August 1927)
- Date
- 1927-07-01
- Page
- – (sequence 49)
- Language
- German
- Belongs to
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Material zur Gründung einer Jüdischen Arbeiterkolonie Expose über die Möglichkeit der Beschäfigung von zirka 50 jüdischen Wanderarbeitern in Deutschland. Für die Hauptstelle für jüdische Wanderfürsorge erstattet von Güter-Direktor S. Dyk. Die Möglichkeit, in Deutschland wandernde jüdische Arbeitslose dem Schaffen auf der Scholle und dadurch dauerndem oder zumindest monatelangem produktivem Erwerb zuzuführen, ist nur durchführbar, 1. wenn ein landwirtschaftlicher Betrieb zur Verfügung steht, in dem ein Milieu geboten ist, das den in Frage kommenden Arbeitslosen ein „Heim" zu bieten imstande ist: 2. wenn der Leiter eines solchen Betriebes berufen und gewillt ist, soziale Arbeit zu leisten, und dabei die notwendige Energie und Verfügungsgewalt hat, eine dem Zwecke dieses Unternehmens angepaßte Disziplin in Anwendung zu bringen; 3. wenn deutlich unterschieden wird zwischen Arbeitslosen, die in diesem Betrieb nur vorübergehend Beschäftigung finden sollen, und solchen, die außer zum Erwerb in der Landwirtschaft zu einer normalen beruflichen Ausbildung kommen sollen. ad 1. Eine der Ursachen, die unsere Wanderer auf die Straße bringen und sie zur Last der jüdischen Gemeinden und Privatpersonen machen, ist die Heimatlosigkeit, die nicht nur die Eingewanderten aus dem Osten trifft, sondern auch deutsche Juden, die aus wirtschaftlichen oder persönlichen Gründen den Zusammenhang mit ihrer Familie und damit ihrem engeren Heimatsorte verloren haben. In der letzten Zeit sind es allerdings in der Hauptsache wohl die herrschenden ökonomischen Zustände, die es vielen unmöglich machen, Beschäftigung zu finden, sie in die Fremde führen, um Arbeitsgelegenheit zu suchen und die Arbeitsuchenden so allmählich zu berufsmäßigen Wanderburschen werden lassen. Die Bemühungen jüdischer Institutionen, solche Wanderer durch Zuweisung von Arbeit an irgendeiner Stätte festzuhalten, scheitern in manchen Fällen an der angeborenen oder durch Umstände erworbenen Arbeitsscheu, in den meisten Fällen aber bestimmt an der Tatsache, daß sie als „fremde" Arbeiter auf wenig liebevolle Behandlung bei den Arbeitgebern stoßen und als aus Wohltätigkeit Aufgenommene behandelt werden und so enttäuscht immer wieder der Wanderung anheimfallen. Das Heim in dem von uns in Projekt genommenen landwirtschaftlichen Betriebe müßte nicht nur die Aufgabe haben, die hier der Arbeit zugeführten Wanderer in saubere, gute Wohnung und einfache, aber gesunde Nahrung zu setzen, sondern auch durch eine psychologisch und sozial angepaßte, richtige Behandlung wie vor allem auch durch Pflege der Kameradschaftlichkeit unter den Wanderern selbst ihnen eine Stätte der Versorgung sowohl in psychischer als auch in moralischer Hinsicht zu bieten. Entscheidend für die Durchführung dieser Aufgabe und die Erlangung dieses Zweckes ist die Persönlichkeit, der die Leitung und Verantwortung für die Führung dieses Heims übertragen wird. Der Auswahl dieser Persönlichkeit ist die größte Aufmerksamkeit zu widmen. Von dieser hängt nicht nur das Wohl und Wehe der Insassen, sondern auch das Erwecken der Arbeitsfreudigkeit bei ihnen ab, und damit — 49 —