Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- 1-2 (Juli-August 1927)
- Date
- 1927-07-01
- Page
- – (sequence 43)
- Language
- German
- Belongs to
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Katzenstein-Leipzig: Ich möchte hierzu insbesondere bemerken, daß man die Menschen, die in den Warnungslisten stehen, nicht ein für alle Mal als Verbrecher ansehen soll. Man muß vielmehr dem auf der Warnungsliste Stehenden immer wieder Gelegenheit geben, sich zu rehabilitieren. Es kann durchaus Verhältnisse geben, die aus einem schlechten Menschen wieder einen besseren machen können. Dr. Oppenheim-Mannheim: Eine Rehabilitation muß selbstverständlich dem auf der Warnungsliste Vermerkten zugestanden werden, aber sie kann und darf keineswegs von einer Provinzialstelle ausgehen. Der Betreffende muß sich entweder nach Berlin wenden, oder eine Fürsorgestelle muß das Material zur endgültigen Prüfung nach Berlin überweisen. Da ja sein Name ursprünglich auch von Berlin aus auf die Liste gesetzt worden ist, kann die Rehabilitierung auch nur von Berlin ausgehen. Nachdem sich noch zur Frage des Meldesystems Schwarzschild-Stuttgart, Katzenstein-Leipzig, Benjamin-Frankfurt, Berger, Caspary, Dr. Kreutzberger, Adler-Rudel-Berlin geäußert haben, wird festgestellt, daß das Melde- und Warnungssystem in der bisher bestehenden Form auch weiterhin beibehalten werden soll. Vorsitzender Berger-Berlin: Wir kommen nun zu der wichtigen Frage der produktiven Fürsorge. Ich glaube nicht, daß es zweckmäßig sein dürfte, jetzt über die einzelnen Maßnahmen zu sprechen. Ich bin für eine Debatte nur insoweit, als vielleicht auf Grund der gestrigen Aussprache neue Gesichtspunkte seitens der einzelnen Provinzialkassen vorgebracht werden können. Benjamin-Frankfurt : Wir haben in Frankfurt vor längerer Zeit eine Schreibstube errichtet, die sich mit Druckarbeiten beschäftigt und nach rein kaufmännischen Gesichtspunkten geleitet wird. Wir beschäftigen auf Grund tariflicher Bezahlung 10 Arbeiter dauernd. Vielleicht ließe sich eine ähnliche Institution auch an anderen Orten ins Leben rufen. Schwarzschild-Stuttgart: Für Durchwanderer kann doch nur eine leichte Arbeit in Frage kommen, die jeder ohne Vorkenntnisse leisten kann. Ich denke im besonderen an die Sortierung von Abfällen in Lohnarbeit, ausgeführt für die Industrie oder einen speziellen Handelszweig. Die Justizverwaltung beschäftigt schon seit 1913 mehr als 2000 Gefangene mit diesen Arbeiten und hat bisher außerordentlich günstige Erfahrungen zu verzeichnen gehabt. Derartige Einrichtungen können ohne große Unkosten an jedem Orte errichtet werden. Vorsitzender B e r g e r - B e r 1 i n : Ich will keine Kritik üben, aber es will mir scheinen, als ob die Vorschläge, die gestern Herr Caspary gemacht hat, nicht genügend beachtet werden. Ich bitte Sie, zu bedenken, daß es sich darum handelt, Wanderer, die kein Ziel haben, irgendwo festzuhalten. Sie vergessen auch immer wieder, daß wir doch schon 30—40 Prozent deutscher Wanderer zu verzeichnen haben. Aber selbst wenn wir eine geringere Zahl Deutscher hätten, ist es unsere ernste Aufgabe, diese Leute immer wieder zur Arbeit zu bringen. Sie dürfen auch nicht vergessen, daß wir es mit einem besonders schwierigen Menschenmaterial zu tun haben. Es ist kein Zufall, daß die Arbeit, die Herr Schwarzschild uns vorschlug, eine Arbeit ist, die besonders in den Gefängnissen geleistet wird. Ein normaler Mensch wird etwas anderes machen wollen. Wir müssen den Menschen solche Möglichkeit und Arbeit geben, die seiner Begabung und seinem Können irgendwie gemäß sind. Die Arbeitsnachweise scheinen mir hierfür — 43 —