Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- 1-2 (Juli-August 1927)
- Date
- 1927-07-01
- Page
- – (sequence 41)
- Language
- German
- Belongs to
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Ich habe die Disposition nach dem Gesichtspunkt vorgenommen, daß ich das einfachste Problem an den Anfang und das schwierigste an das Ende stellte. Ich würde vorschlagen, nach diesen Gesichtspunkten weiter zu verfahren. IV. Sitzung. Montag nachmittag. Vorsitzender B e r g e r-B e r 1 in : Ich stelle fest, daß die Versammlung damit einverstanden ist, daß wir im Sinne der heute Vormittag vorgeschlagenen Tagesordnung unsere Beratungen fortsetzen. Ich stelle weiterhin Ihr Einverständnis dahingehend fest, daß die Hauptstelle baldmöglichst eine Schrift herausgeben soll, die das gesetzgeberische Material zusammenstellt, insbesondere die Frage der Heranziehung öffentlicher Mittel klären soll. Es wird überhaupt Aufgabe des Berliner Büros sein müssen, seine Tätigkeit in dieser Hinsicht weiter auszubauen. Daß dies eine weitere finanzielle Anspannung des Büros bedeutet, braucht nicht besonders erwähnt zu werden. Adler-Rudel-Berlin: Im Rahmen dieser Aussprache scheint es mir notwendig, vor Uebertreibungen, wie sie sich hier bemerkbar machten, dringend zu warnen. Man hatte aus der Debatte oft den Eindruck, daß die Zahl der Durchwanderer fast ununterbrochen steige und eine außerordentliche Höhe erreicht hätte. Dies trifft nicht zu. Denn wir haben im Jahre 1926 keine nennenswerte Zuwanderung aus dem Osten gehabt, da maßgebend für die Zuwanderung wie für die Wanderung überhaupt die wirtschaftlichen Verhältnisse in den osteuropäischen Ländern sind; diese haben sich nun im letzten Jahre ein wenig gebessert, wodurch der Anreiz zur Wanderung gemindert wird. Wenn trotzdem eine starke Frequenz bei unseren Kassen festzustellen ist, so ist dies zumeist auf die Rückwanderung aus Frankreich nach Polen zurückzuführen. Diese Rückwanderung, die als eine Folge der Stabilisierungskrise in Frankreich anzusehen ist, belastet naturgemäß unsere Kassen in erheblichem Umfang, sie ist aber gleichzeitig ein Beweis dafür, daß sich die Verhältnisse in Polen soweit gebessert haben, daß die chaotische Wanderung, wie wir sie in den Jahren 1923, 1924 und 1925 erlebt haben, aufgehört hat. Darüber hinaus ist der Rückgang der Zuwanderung aus dem Osten zum guten Teil auf die von uns geleistete Aufklärungsarbeit in Polen zurückzuführen. Wir haben durch die Presse und durch regelmäßige Korrespondenz mit allen in Polen in Frage kommenden Stellen immer erneut darauf hingewiesen, wie gefährlich die wilde und ziellose Wanderung für den Wanderer selbst ist, und konnten mit Befriedigung feststellen, daß unsere Erklärungen auf fruchtbaren Boden gefallen sind. Die verantwortlichen Führer des polnischen Judentums haben die von uns angeführten Gründe wohl gewürdigt und, soweit es in ihren Kräften lag, die wilde Wanderung verhindert. Es ist aber gewiß, daß jede neue wirtschaftliche oder politische Erschütterung im Osten Auswanderer nach Deutschland bringen bezw. über Deutschland führen wird. Diesen Tatsachen müssen wir gerüstet gegenüberstehen, um im gegebenen Moment wirklich helfend eingreifen zu können. Genau wie bei der starken Rückwanderung aus Frankreich unsere Organisation die Feuerprobe bestanden hat, muß dies auch bei einem eventuellen Rückschlag aus dem Osten sein. Eine weitere oft berührte Frage war die, ob wir es verantworten können, Wanderer, die keine Möglichkeit des Weiterkommens haben und auch keine Arbeit finden können, nach Polen zurückzuschicken. Auf Grund unserer bisherigen Erfahrungen bejahe ich diese Möglichkeit. Gewiß, diese Rückwanderung darf nicht zwangsweise sein. Es ist eine schwierige Arbeit, einen Wanderer, dessen ganze Hoffnung darin gipfelt, irgendwo auf der weiten Welt eine Arbeitsstätte zu finden, — 41 —