Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- 1-2 (Juli-August 1927)
- Date
- 1927-07-01
- Page
- – (sequence 39)
- Language
- German
- Belongs to
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Caspary-Berlin: Ich schließe mich dem Beifall, der Herrn Grünbaum gezollt worden ist, voll und ganz an. Doch muß ich bemerken, daß Herrn Grünbaums Ausführungen sich im großen Ganzen auf die Art unserer Organisationstätigkeit erstreckten, wie sie seither von uns bearbeitet worden ist. Er ist leider nicht mehr auf das eingegangen, was wir in unseren Leitsätzen zum Ausdruck gebracht haben* nämlich auf die Produktivierung der Wanderung. Die Produktivierung der Wanderung ist das primärste in unserem Aufgabenkreis. Wir wollen uns unter allen Umständen von der alten Schablone der Geldunterstützung und des Verschickens von Ort zu Ort abwenden und versuchen, jeden Wanderer zunächst einmal am Orte zu belassen und ihn auch zu beschäftigen. Das Abschiebungssystem ist ein Unglück für uns und für den Wanderer. Es kann nicht nachdrücklich genug betont werden, wie demoralisierend die dauernde Abschiebung auf den Wanderer wirkt. Ich bin der Ansicht, daß die Angst vor der Produktivierung etwa in der Form, daß sie uns zuviel Geld kosten könnte, unter allen Umständen unterdrückt werden muß. Die Produktivierung soll in auch noch so geringem Maße an jedem Orte versucht werden. Neuhaus-Köln : Ich glaube, im Namen sämtlicher anwesender Provinzvertreter erklären zu können, daß wir die in Aussicht genommene Produktivierung der Wanderung aufs herzlichste begrüßen. Wir haben schon in Köln vor vielen Jahren auf Anregung von Herrn Feilchenfeld Versuche in dieser Richtung gemacht. Das Ergebnis war jedoch negativ. Man darf allerdings auch nicht Berlin mit anderen Städten Deutschlands vergleichen. Was in Berlin möglich ist, braucht in Hannover, Stuttgart oder Köln noch nicht möglich zu sein. Trotzdem betone ich immer wieder, es muß etwas geschehen, um die Produktivierung der Wanderung zu fördern, und die Hauptstelle mag überzeugt sein, daß wir das alle ebenso wünschen wie sie selbst. Das unglückliche Abschiebungssystem, das zum großen Teil bisher herrschte, muß unter allen Umständen fallen. Schließlich darf ich noch bitten, im Reiche Teilversammlungen veranstalten zu wollen. Das würde einerseits große Teile Deutschlands aktivieren, andererseits uns selbst die großen Reisekosten ersparen. Dr. Straus: Ich erwarte noch die Einreichung formulierter Anträge über die wichtigste Frage, die zur Debatte steht, nämlich über die produktive Fürsorge. Wir müssen uns ferner darüber klar werden, ob die bisher von der Hauptstelle gehandhabten Richtlinien zu ergänzen oder abzuändern sind. Es wird dauernd die Frage angeschnitten, was mit denjenigen Leuten zu geschehen hat, die in diese Richtlinien nicht hineinpassen. Man soll keine Geldunterstützung geben, aber man muß sich doch auch darüber klar werden, was aus den Wanderern werden soll, die man nicht produktivieren kann und die man auf der anderen Seite auch nicht weiterbefördern soll. Es wäre auch zu erörtern, in welcher Form der Mißbrauch der Fahrkarten verhütet werden kann. Der zwecklosen Wanderung ist unter allen Umständen Einhalt zu gebieten. Schließlich wäre noch eine Frage, die bei uns in Bayern angeregt worden ist. Ist das augenblickliche Listensystem zweckmäßig? Es wurde vorgeschlagen, es alphabetisch nach den Namen der Wanderer auszubauen, weil es dann für die einzelnen Organisationen leichter wäre, die betreffenden Wanderer herauszufinden und ihren Weg zu verfolgen. Das wäre wohl ein wichtiger Punkt, der jetzt in unserem Kreise zu erörtern wäre. Ebenso wichtig wäre es, die Organisation der Hauptstelle nach der räumlichen Seite hin zu besprechen. Ist das augenblickliche Provinzialkassensystem örtlich richtig aufgebaut? Wo bestehen Lücken? Ein Weiterer Fragenkomplex ist der Zusammenhang und die Zusammenarbeit mit den einzelnen Landesverbänden. In Bayern arbeiten die Provinzialkassen mit — 39 —