Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- 1-2 (Juli-August 1927)
- Date
- 1927-07-01
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
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aber neue Ursachen kommen, so daß es eine jüdische Wanderung immer geben wird; und schon jetzt kann man mit Sicherheit annehmen, daß wir in Kürze mit einem noch viel größeren Wanderstrom als im Augenblick zu rechnen haben. Deshalb heißt es vorbereitet sein. Es handelt sich hier keineswegs nur um ein Problem der öffentlichen Wohlfahrt, sondern zweifelsohne auch um ein politisches Problem. Man kann hierbei kein Land gesondert herausgreifen. Die Behandlung der ganzen Aufgabe muß durchaus international sein. Dies ist ja auch in den Leitsätzen ganz deutlich zum Ausdruck gekommen. Es wird unter allen Umständen notwendig sein, daß in recht weite Kreise Klarheit gebracht wird über die Notwendigkeit und die Bedeutung der jüdischen Wanderung. Das dürfte zu den wichtigsten Aufgaben der jüdischen Gemeinden Deutschlands gehören, den wahren Charakter der jüdischen Wanderung und ihrer Fürsorge vor der Oeffentlichkeit in allen erdenkbaren Formen zu schildern und zu diskutieren. Eine systematische Aufklärung der Oeffentlichkeit über die Bedeutung der Frage muß unter allen Umständen erfolgen, damit diese Dinge bei der Gesetzgebung, der Verwaltung usw. die ihnen zukommende Berücksichtigung finden. Es muß an die Auswärtigen Aemter und die Parlamente in den durch die jüdische Wanderung betroffenen Ländern herangetreten werden. Es muß den Politikern Europas klargemacht werden, daß vielleicht die Hauptleidtragenden des Weltkrieges die Juden waren, weil gerade die von den objektiven Wirkungen betroffenen Länder die größten jüdischen Massensiedlungen aufzuweisen haben. Wenn sich die Völker zusammengetan haben, um vier Jahre Zerstörungsarbeit zu leisten, dann müssen sie zum Aufbau auch ein wenig Zeit aufbringen. Mir scheint es auch notwendig zu sein, für unsere Bestrebungen einen engen Zusammenhang mit den Arbeiter- und Angestelltenorganisationen zu suchen. Es ist schon hervorgehoben worden, daß in diesen Kreisen fast ein Schutzzoll gegen Ausländer angestrebt wird. In der ganzen' Welt ist man abgerückt von den Auffassungen, die vor zwanzig Jahren den Stuttgarter Sozialistenkongreß beherrschten. Der Krieg hat diese Auffassung zerbrochen, und der vorjährige Londoner Arbeiterkongreß ist gerade nicht ermutigend gewesen. Besonders die Arbeiter Englands wehren sich aufs schärfste gegen irgendwelche neuen Einwanderungen. Der Krieg hat die guten Gesinnungen außerordentlich verdorben, und es heißt, die gute, alte internationale Arbeitermoral wieder aufzubessern. Nur noch ein paar kurze Bemerkungen zu den Leitsätzen. Das Dyksche Gutachten habe ich zur Kenntnis genommen. Ich bin nicht sachkundig genug, um es beurteilen zu können. Wenn aber die Arbeitsstätte als durchgreifendes produktives Hilfsmittel bezeichnet wird, die ein paar Hunderten Unterstützung und Arbeit gibt, so habe ich den Eindruck, als ob der Aufwand an richtigster Stelle gemacht würde. Die Herren werden aber auch mit mir einig gehen, daß man auch über die landwirtschaftliche Siedlung nicht die Errichtung von Genossenschaften vergessen darf. Bringt das jüdische Menschenmaterial nicht handwerklich mehr Tradition mit? In den Ländern der jüdischen Massensiedlung gibt es nur verschwindend kleine Gebiete, wo die Juden überhaupt die Möglichkeit zur landwirtschaftlichen Betätigung hätten. Dagegen ist die Tradition zur handwerklichen Arbeit eine Jahrhunderte alte. Im Osten gibt es seit Jahrhunderten ganze Gewerbezweige, die nur in den Händen von Juden liegen. In Polen und Südrußland gab es immer jüdische Handwerker. Menschen, die ihre Heimat verloren haben, kann man leichter genossenschaftlichhandwerklich zusammenschließen als zur landwirtschaftlichen Siedlung bringen. Ich bitte Sie, auch hierauf Ihre Aufmerksamkeit zu lenken bei der Entscheidung der Frage, ob überhaupt und in welchem Maße und wann die landwirtschaftlichen Arbeiterkolonien errichtet werden sollen, und ob nicht auch genossenschaftliche Handwerksstätten daneben unserer Unterstützung wert wären. - 25 -