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Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge · 1927-07-01 · 1-2 (Juli-August 1927) · page 22

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Journal
Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
Volume
1 (1927-1928)
Issue
1-2 (Juli-August 1927)
Date
1927-07-01
Page
– (sequence 22)
Language
German
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ebenfalls schon erwähnter, ist die geistige und körperliche Behinderung. Der Wanderer ist müde, ausgehungert, in seiner Kleidung abgerissen. Das alles kostet Betriebskapital. Und wenn er sich dann tüchtig bei uns herausgefüttert hat, wenn er kräftig geworden ist, sucht er Arbeit und wandert weiter. Man hat dann bei diesen Leuten wenigstens das Gefühl, sie wieder voll arbeitsfähig gemacht zu haben. Von Herbst an bis über den Winter wird das Haus immer voll sein. Außer für Verpflegung wird für Heizung und Licht genug Geld verbraucht, und dann muß man damit rechnen, daß im Frühjahr gerade die leistungsfähigsten Leute fortgehen. Ich habe das schon oft erlebt. Wenn ich die Arbeitskräfte brauche, fehlen sie, und wenn ich anfangen will, ist keiner da. Daher ist es ein wichtiges Moment, für Reserve zu sorgen. Von März bis Mai können wir für Hunderte Arbeit vermitteln. Was dann übrig bleibt, sind die Kaufleute usw. Solche Leute sitzen fest in der Anstalt, und das verteuert naturgemäß den Betrieb. Es ist durchaus möglich, daß dieser Tatbestand für Sie nicht in vollem Ausmaß zutreffen wird. Ich habe in meinem Expose angegeben, daß man mit einem täglichen Bar Zuschuß von 1,30 M. pro Kopf rechnen muß. Für 50 Wanderer umgerechnet, entspricht dies fast genau den Zahlen, die Herr Dyk angegeben hat. Diese 1,30 M. stellen aber nur einen Minimalbetrag dar. Ich kenne verschiedene Heime, die mit diesem Betrag nicht auskommen. Auch ist in meinem Betrag an Verzinsung und Amortisation nicht gedacht. Wenn Sie die hierfür notwendige Summe aufschlagen, so werden Sie sicher täglich mit 2 M. rechnen müssen. Bei den in Aussicht genommenen 50 Plätzen handelt es sich naturgemäß um eine wechselnde Größe. Die Plätze werden sicherlich im Laufe des Jahres 4—5 mal belegt werden, so daß im Laufe eines Jahres sicher 250 Wanderer durch eine solche Anstalt gehen. Je größer die Anstalt, desto größer sind die Zahlen der Hilfsbedürftigen, die sich dauernd festsetzen. Bei 250 Plätzen setzt sich allmählich ein Typ von Menschen fest, der durchaus hospitalbedürftig ist, und das steigt mit der Dauer der Anstalt. Aber diese Hospitalbedürftigen müßten ja auch wo anders untergebracht werden, und es fragt sich, ob man dort billiger fortkommt. Trotz allen diesen erforderlichen Geldkosten muß die Arbeit unter allen Umständen getan werden. Dies erfordert der Dienst an den Hilfsbedürftigen. Man hat unter allen Umständen die Verpflichtung, den Menschen aus sozialen Gründen ihre Arbeitskraft zu erhalten, und man muß vermeiden, daß sie nur von Schalter zu Schalter laufen und den Hilfsbedürftigen markieren. Ein Jahr lang „stempeln" zu gehen, hat seine außerordentlich großen Gefahren, wie wir es alle wissen. Solch ein Mensch fühlt sich allmählich nur noch als halbes Mitglied der menschlichen Gesellschaft. Deshalb ist die Schaffung von Arbeitsmöglichkeiten eine unbedingte Notwendigkeit, um dem einzelnen Menschen zu helfen, und um ihm seine Arbeitskraft zu erhalten. Auch völlig ungeübte Leute, Kaufeute und Büromenschen bekommen, wenn sie einmal durch unsere Stätten hindurchgegangen sind, Muskeln und harte Hände. Man hat sehr oft gerade bei der letzten Kategorie von Menschen an handwerksmäßige und industrielle Beschäftigung gedacht. Ich warne, so oft ich kann, außerordentlich davor. Sofort kommt der freie Handel und beklagt sich, daß man ihm unanständige Konkurrenz mache; man läßt arbeiten und sieht als Ergebnis seiner Arbeit, daß man die hergestellten Gegenstände nicht los wird. Und das deprimiert den Arbeiter und den Leiter der Anstalt. Der Zweck unserer Bestrebungen ist eben, neue Arbeitsgelegenheiten zu schaffen, die niemanden gefährden. Wir schaffen neue Arbeitsgelegenheiten durch Siedlungsmöglichkeit, die für Hunderte von Jahren Menschen Existenz bietet, so daß man durchaus von produktiv geleisteter Arbeit reden kann. Ich kann also nur landwirtschaftliche Arbeit empfehlen, die keinem Menschen zum Schaden gereichen kann, auch wenn er nie Landarbeiter gewesen ist. — 22 —

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