Mannheim
Compact Memory

Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge · 1927-07-01 · 1-2 (Juli-August 1927) · page 21

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
Volume
1 (1927-1928)
Issue
1-2 (Juli-August 1927)
Date
1927-07-01
Page
– (sequence 21)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2709108-2709109-2709111--029-2709204
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

sein. Das wurde andererseits aber auch heißen, daß Sie im Frühjahr und Somnl^t die gesamten sogenannten vollwertigen Kräfte verlieren, so daß nur die halben Kräfte im Betrieb bleiben. Denn es ist anzunehmen, daß, wenn auch die Leute sich freiwillig in die Anstalt begeben haben, sie nach einer gewissen Zeit einen starken Drang bekommen, ihre Kräfte außerhalb des Heims zu betätigen. Es ist deshalb von dem Gesichtspunkte der Erhaltung einer Anstalt aus zu begrüßen, wenn verschiedene Kategorien von Hilfsbedürftigen, Erziehungsbedürftigen, gescheiterten Leuten, körperlich und geistig Behinderten und alten Leuten als Träger der Tradition in der Anstalt verbleiben. Es ist natürlich zu überlegen, ob nicht eine Verbindung dieser verschiedenen Kategorien von Hilfsbedürftigen, zu denen man naturgemäß auch die Strafentlassenen, die ja zu jeder Jahreszeit frei werden und eine solche Uebergangszeit brauchen, die Anstalt gefährdet. Ich kenne indessen keine Anstalt, keine bestehende, die sich nur darauf beschränkt, voll erwerbsfähige Leute aufzunehmen. Es soll auch den Hilfsbedürftigen durch die Beschäftigung die Möglichkeit gegeben werden, ihre ganze Arbeitskraft einzusetzen, damit sie das Bewußtsein haben, daß sie nicht nur von der Wohlfahrt leben. Dem Expose" des Herrn Dyk kann ich auch in Bezug auf die Preisberechnungen auf Grund meiner Erfahrungen im großen Ganzen zustimmen. Zur Beschäftigung eines Mannes in der Landwirtschaft brauche ich, rein landwirtschaftlich gesprochen, eine Fläche von 20 Morgen. Im Gärtnereibetriebe kann ich hingegen schon auf 3—4 Morgen eine Kraft beschäftigen, für 50 Leute würde ich also nur eine Fläche von 200 Morgen benötigen. Hinzu kommt, daß der jüdische Landarbeiter sich nicht wird auf eine Stufe stellen können mit dem polnischen, italienischen oder strammen deutschen Arbeiter. Den nicht verantwortlichen Facharbeiter kann ich in der Gärtnerei mit Unkrautjäten usw. beschäftigen. Der Landarbeiter braucht auch viel mehr technische Vorkenntnisse als der gärtnerische. So haben wir die Beobachtung gemacht, daß Kaufleute meist in der Gärtnerei sich betätigen und nicht nur in der Landwirtschaft. Das wird bei Ihnen zweifellos ebenso sein. Bei der Gärtnerei muß allerdings unbedingt die Frage des Absatzes geklärt sein. Einige unserer Anstalten haben eine idyllisch-schöne Lage, aber keine Verkaufsmöglichkeiten, und müssen deshalb die Frischgemüse im Betrieb selbst verwenden. Für die gärtnerische Anlage spielt ferner die Düngerfrage eine entscheidende Rolle. Wenn Sie an die Errichtung einer derartigen Anstalt in der Nähe von Berlin denken, kommen Sie in ein reines Sandgebiet. Merkwürdigerweise bekommen wir hier aber nicht den Dünger von der Landwirtschaft, sondern von Berlin selbst. Für die Errichtung einer solchen Anstalt ist die Kostenfrage entscheidend. Die Preiserzielung bei dem Ankauf ist Sache des Zufalls und persönlichen Geschicks. Die von Herrn Dyk angegebenen Preise dürften stimmen. Bei 2000 Morgen muß mit 600 000 RM. gerechnet werden, so daß also bei einem landwirtschaftlichen Betrieb die Anlagekosten die größten wären. Bei einem gärtnerischen Betriebe sind diese Kosten geringer. Woher kommt es, daß ein solcher Betrieb sich nicht selbst erhalten kann? Es gibt meines Wissens keine einzige derartige Anstalt in Deutschland, die so produktiv arbeitet, daß sie keine Zuschüsse mehr erfordert. Die Erklärung liegt einfach. Die Leute, die zu uns kommen, sind fast alle ungelernte Landarbeiter, die nicht im Vollbesitz ihrer Kräfte sind, oder es sind Kaufleute, Handwerker oder sonstige Arbeiter, die in ihrem eigenen Beruf durchaus tüchtig sein mögen, aber für die Landwirtschaft als nicht voll leistungsfähig anzusprechen sind. Sie schaffen ein Viertel, ja oft nur ein Fünftel dessen, was der gelernte Landarbeiter leistet. Eine Landarbeiterfrau z. B. schafft täglich 30—40 Ztr. Kartoffeln, dagegen der durchschnittliche Wanderer nur 8—10 Ztr. Wenn wir das leisten sollten, würde es uns zweifellos auch nicht anders gehen. Ein Grund hierfür ist die Unkenntnis der Arbeit, der andere, ein - 21 -

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.