Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- 1-2 (Juli-August 1927)
- Date
- 1927-07-01
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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Tat mit diesen Fragen auseinandergesetzt haben. Im Jahre 1894 ist der erste Logen-Arbeitsnachweis in Frankfurt a. Main entstanden, 1896 folgten zwei weitere, und in den Jahren 1907 und 1908 ist eine große Anzahl von Arbeitsnachweisen im deutschen Reich begründet worden, die sich dann zu einem Verbände zusammenschlössen. Ich darf den geschäftsführenden Vorstand bitten, all das Material, das die Referenten doch nur streifen konnten, der Großloge zuzustellen, damit es in ihrem Kreise aufs ernsteste beraten werden kann. Die führenden Mitglieder unserer Logen sind zugleich auch führende Persönlichkeiten der Gemeinden. Wir hoffen, daß es uns möglich sein wird, Sie bei der Lösung dieser Frage weitestgehend zu unterstützen. Ich glaube unter allen Umständen, daß wir die geplante Arbeiterkolonie mit 300 000—400 000 Mark aus eigenen Mitteln werden errichten können. Die Bewirtschaftung wird sicher noch weitere Mittel erfordern. Weiterhin wird es nötig sein, nicht nur eine solche Arbeitsstätte in Berlin, sondern auch eine zweite in Frankfurt a. Main und eine dritte in Köln zu errichten. Angesichts dieser großen dringlichen Aufgaben, die uns bevorstehen, dürfen wir aber auch nicht vergessen, daß wir ärmer geworden sind, und deshalb wird es zu überlegen sein, ob wir nicht, wenigstens um die erste Arbeiterkolonie zu begründen, Mittel irgendeiner Auslandsinstitution in Anspruch nehmen sollten. Pastor Braune: Wenn ich den Zweck der hier gehaltenen Referate recht verstanden habe, dann haben Sie insbesondere die konkrete Spitze, die Frage zu klären, ob es angebracht ist, eine eigene Arbeiterkolonie zu schaffen oder nicht. Da ich augenblicklich Geschäftsführer des Vereins deutscher Arbeiterkolonien bin, der die konfessionellen Verbände umfaßt, darf ich Ihnen sagen, daß uns die gleichen Fragen aufs eingehendste bis in ihre letzten Probleme beschäftigt haben. Wir haben im letzten Jahre allein sieben neue Arbeiterkolonien, über ganz Deutschland verbreitet, begründet, und ich war an jeder Gründung beteiligt. Ich darf also aus meiner Erfahrung heraus Ihnen manches sagen, was für Sie bei der Erörterung dieser Fragen vielleicht von Interesse ist. Zunächst ist festzustellen, wie es bereits von dem ersten Referenten auch betont wurde, daß die jüdiche Wanderung, als Gattung genommen, anders zusammengesetzt ist als die nichtjüdische. Ich bin Ihnen dankbar für die Ausführungen, die im Zusammenhang mit dieser Frage gemacht wurden, da sie auch unser Problem außerordentlich bereichern. Wenn Sie daran denken, ein landwirtschaftliches Heim zu errichten, so ist zunächst zu untersuchen, ob der jüdische Wanderstrom dafür geeignet und ob er konstant ist. Der von Ihnen vorgelegte Geschäftsbericht läßt erkennen, daß Ihr vVanderstrom außerordentlich konstant ist. Unser Wanderstrom ist viel mehr von der Saison abhängig. Die entscheidende Frage ist nun, ob Sie annehmen, daß im Laufe der nächsten zwanzig Jahre der Wanderstrom mindestens einigermaßen gleichmäßig bleiben wird, oder ob die von Ihnen errechneten Zahlen nur eine ganz vorübergehende Erscheinung konstatieren. Meiner Ansicht nach werden wir einen Wanderstrom vorläufig immer haben, da ja die politischen Verhältnisse in der ganzen Welt durchaus keine ruhigen sind, so daß die Ursachen der Wanderung immer wieder aufs neue gegeben sein werden. Ist nun der jüdische Wanderer, wie Sie ihn betreuen, geeignet und bereit, landwirtschaftliche Arbeit zu leisten? Zweifel hierüber sind bestimmt vorhanden, wie ich sie auch bereits aus Ihrer eigenen Mitte vernommen habe. Mit 50 geeigneten Wanderern, die fürs erste in Frage kommen, werden Sie aber wohl immer rechnen können. Eine Anstalt, wie Sie sie planen, ist der erste und beste Weg, um die Hilfsbedürftigkeit zu beseitigen oder einzudämmen. Rechnen Sie vorerst mit 50 voll arbeitsfähigen Leuten, so dürfte die notwendige Arbeitsvermittlung nicht zu schwer — 20 —