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Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge · 1927-07-01 · 1-2 (Juli-August 1927) · page 18

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Journal
Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
Volume
1 (1927-1928)
Issue
1-2 (Juli-August 1927)
Date
1927-07-01
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Abneigung der Juden gegen Kasernierung, die Frage der Fähigkeit zur landwirtschaftlichen Arbeit, das Problem des Leiters, all dies sind Fragen, die einer ernsten Beratung bedürfen. Voraussetzung ist, daß die zu schaffende Anstalt keine Zwangsanstalt und keine Kaserne sein darf. Sie muß der Mentalität und Eigenart der von uns betreuten Elemente entsprechen, sie kann nur dann ihren Zweck erreichen, wenn sie vom Wanderer freiwillig aufgesucht wird, was übrigens auch bei den meisten anderen bestehenden Kolonien der Fall ist. Der Wanderer muß die Empfindung haben, daß es in seinem Interesse liegt, hier zu bleiben, um selbst daran mitzuhelfen, wieder in geordnete Verhältnisse zu kommen. Auch das Bedenken der Eignung der Juden zur landwirtschaftlichen Arbeit ist nicht ganz stichhaltig, denn wir können in Hunderten von Fällen den Beweis erbringen, daß Juden auch in Deutschland sich in der Landwirtschaft ausgezeichnet bewährt haben. In einem solchen Betriebe, der nicht auf Vollwertigkeit der Arbeit Gewicht legen kann, müssen sie sich um so eher bewähren. Es kommt noch hinzu, daß wir ja nicht die Absicht haben, die Wanderer, die in der Kolonie untergebracht werden, zu landwirtschaftlichen Arbeitern zu erziehen, wenn dies für den Einzelnen auch nicht ausgeschlossen ist. Die Kolonie soll lediglich ein Uebergangsheim sein, bis es gelungen ist, den einzelnen Wanderer auf Grund seiner Eignung und Fähigkeit in Arbeit zu bringen. Entscheidend für die Frage der Kolonie ist die Frage des Leiters. Wir haben kaum Fachleute auf diesem Gebiet, und es ist sehr fraglich, ob wir jemanden finden werden, der sowohl sozial-politisch wie landwirtschaftlich und verwaltungstechnisch in der Lage ist, eine solche Anstalt zu leiten. Doch ist dies eine Frage, die erst späterer Erwägungen bedarf. Und nun zu den technischen Details dieser Frage. In dem Material, das Ihnen überreicht wurde, finden Sie ein ExposS des Herrn Güterdirektor Dyk über die Frage der Investierung und Rentabilität einer solchen Siedlung; Sie finden ferner dieses Expose^ begutachtet von Herrn Pastor Braune, dem Leiter der Wanderarmenkolonien Hoffnungsthal und Lobethal und gleichzeitigen Geschäftsführer des Verbandes der Arbeiterkolonien und des Herbergsvereins. Herr Pastor Braune, der hier im Saal anwesend ist und zweifellos zu den besten Kennern der Materie gehört, war so freundlich, uns in dieser Angelegenheit zu beraten, und hat sich in zustimmendem Sinne zum Dyk'schen Projekt geäußert. Auch Herr Geheimrat Aereboe, der Leiter des betriebswissenschaftlichen Instituts der Landwirtschaftlichen Hochschule, hat das ExposG des Herrn Dyk positiv begutachtet. Ich bitte Sie, während der Pause dieses Gutachten zu lesen, da nur auf Grund dieser Lektüre eine fruchtbare Diskussion möglich sein wird. Ich verstehe von landwirtschaftlichen Dingen zu wenig, um Ihnen das ExposS nach dieser Richtung hin zu ergänzen. Herr Güterdirektor Dyk, der sich ebenfalls hier befindet, wird die Freundlichkeit haben, im Rahmen der Debatte die notwendigen Ergänzungen zu geben. Ich will nur noch auf einige Details eingehen. Wir planen eine Anstalt, die uns die Möglichkeit gibt, fünfzig Wanderer zu beschäftigen. Es liegt im Wesen derartiger Anstalten, daß sie, je kleiner sie sind, in den Kosten der Verwaltung und Erhaltung teurer werden. Bei einer Anstalt für zweihundert Wanderer würden die Kosten, auf den einzelnen Mann umgerechnet, billiger sein als bei einer Anstalt, die nur für fünfzig Wanderer bestimmt ist. Wenn wir Ihnen dennoch das kleinere Projekt vorschlagen, so geschieht dies deshalb, weil auch wir diese Einrichtung als ein Experiment betrachten und deshalb glauben, daß man fürs erste keine allzu großen Investitionen vornehmen darf. Auf Grund des Dyk'schen Projekts würden sich die einmaligen Investierungskosten, wie Sie aus dem ExposS ersehen, auf ca. 300 000 M. belaufen, der jährlich notwendige Zuschuß auf ca. 20 000 M. Wir müssen natürlich die Frage eingehend prüfen, ob der von uns erwartete Erfolg der Siedlung im Einklang mit den hohen Kosten zu bringen sein wird — 18 —

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