Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- 1-2 (Juli-August 1927)
- Date
- 1927-07-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Ich weise auf den Wortlaut und die Bedeutung der Absätze 3 und 4 meiner Leitsätze hin, wonach zum Teil immer noch die alte, wirklich nicht mehr zeitgemäße Uebung besteht, die einzige Fürsorgemaßnahme für den mehr oder weniger unglücklichen Menschen, der teils aus Not, teils aus Wanderleidenschaft, teils aus Abenteuerlust bei unseren Fürsorgestellen „vorspricht", darin zu erblicken, daß man ihn „befördert", ihm ein kleines Zehrgeld verabfolgt, ihm eine Fahrkarte in die Hand drückt und ihn gewissermaßen „abschiebt"! Schlimm ist, wenn der „Abgeschobene" von Köln bis Hamburg auf Umwegen an 12 Einzelfürsorgestellen vorsprechen muß, weil Fahrkarte und Zehrgeld vielfach viel zu kurz und unzulänglich waren. Nein: hier hat die wirkliche Fürsorge einzusetzen, hier sollten wir in allen Teilen Deutschlands ernstlich versuchen, das Problem praktisch-greifbar zu lösen. Hier soll die Produktivierung kein Schlagwort sein, hier soll zu- und eingegriffen werden. Ich möchte bei dieser Gelegenheit nicht auf die Maßnahmen des Wohlfahrts- und Jugendamts der Jüdischen Gemeinde zu Berlin hinweisen, das könnte sich vielleicht als eine Art Berliner Renommage auswirken, aber es ist so, wir haben allerdings vorerst noch in kleinerem Umfange, jedoch mit bestem Erfolge aus dem Schlagwort eine Tat gemacht, wir beschäftigen erwerbslose und für den allgemeinen Arbeitsmarkt nicht mehr voll erwerbsfähige, unglückliche Menschen, zerbrochene Existenzen mit Arbeiten aller Art. Ich habe mit Interesse den Veröffentlichungen des Deutschen Vereins entnommen, daß eine Anzahl öffentlicher Wohlfahrtsämter in den letzten Jahren ebendenselben Weg beschritten haben, daß aber nach den ziffernmäßigen Angaben die Anzahl der Beschäftigten, die so produktiviert wurden, verhältnismäßig klein ist. Unsere Gemeinde hat neuerdings etwa 120 jüdische Erwerbslose, die zum größten Teil der Kategorie der Wanderer zuzurechnen sind, mit Arbeiten auf dem Friedhofsgelände eingestellt, unsere Brockensammlung beschäftigt dauernd etwa 60 Leute, unsere für die Entlastung des starken Arbeitsangebots eingerichteten Werkstätten beschäftigen Handwerker aller Art: Tischler, Schneider, Schuhmacher, Tapezierer usw. So ganz glatt spielen sich die Dinge aber nicht ab. Es ist bekannt, daß der Widerstand von Gewerbe und Handel gegen Bestrebungen, in Verbindung mit Fürsorgemaßnahmen und -einrichtungen Arbeitsbetriebe zu eröffnen, die den freien Gewerben Konkurrenz machen können, sich unangenehm bemerkbar macht, und es wird unsere Aufgabe sein, Kollisionen zwischen den Interessen des freien Gewerbes und Handels hinsichtlich der Verhinderung unlauterer Konkurrenz zu verhüten. Wir haben auch Versuche gemacht, Leuten, die dem allgemeinen Arbeitsmarkte aus den verschiedensten Gründen nicht zugeführt werden konnten, zur Selbständigkeit zu verhelfen mit gutem Erfolge. Trotz der scharfen Stellungnahme der Handwerkerkreise. Im übrigen wird Herr Rudel das noch näher explizieren. Hier nun liegt der Kern der Behebung des vielfach verfahrenen Wanderfürsorgewesens. In allen Entwürfen zu Gesetzen und Verordnungen, auf den Kongressen und Konferenzen, in Wort und Bild und in der recht umfangreichen Literatur ist der Gedanke der Produktivierung in jeder Beziehung als der einzig mögliche Zustand aufgestellt, und wir sollten von dieser Tagung nicht auseinandergehen, ohne daß wir positive Entschlüsse gefaßt haben, wonach alle unsere Hilfsmaßnahmen mit Unterstützung der gesetzlichen Möglichkeiten auf der Grundlage der Produktivierung der jüdischen Wanderer erfolgen. Daß neben der materiellen Beihilfe der öffentlichen Fürsorgestellen deren soziale Einrichtungen heranzuziehen sind, dürfte selbstverständlich sein: Zur unmittelbaren Ueberführung eines Wanderers in das Wirtschaftsleben ist die öffentliche Arbeitsvermittlungsstelle zu benutzen. Ist am Orte oder in der Provinz ein - 13 -