Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- 1-2 (Juli-August 1927)
- Date
- 1927-07-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Auch hier müssen wir eingreifen, und hier müssen wir mit Erfolg eingreifen. Hier sehen Sie, weshalb der jüdische Arbeitsnachweis auch für deutsch-jüdische Angestellte von besonderer Bedeutung wird. Hier gilt es, den Arbeitgeber, und vor allem den jüdischen Arbeitgeber an seine Pflicht zu erinnern, tatkräftig und ohne Unterlaß zu erinnern, daß es seine Aufgabe ist, den jüdischen Angestellten, dem sowieso zahllose Berufe völlig verschlossen sind, unterzubringen. Hier kann jeder Einzelne eingreifen, im eigenen Geschäft genau so gut wie bei der Bank, mit der er arbeitet. Dabei müssen wir erkennen, daß auch die Forderung nach Produktivierung, nach verstärkter Beteiligung an handarbeitenden Berufen neue schwierige Fragen gerade in Deutschland hervorruft. Ich habe einmal die Statistik derer durchgearbeitet, die dem Judentum verloren gehen, die sich taufen lassen oder austreten. Es hat sich herausgestellt, daß die Spitzen der jüdischen Gesellschaft in Deutschland, diejenigen, die nach oben oder unten aus der allgemeinen Klassenschichtung der Juden herausragen, dem Judentum in besonders starkem Maße verloren gehen. Sehr viele jüdische Arbeiter sind aus dem Judentum ausgeschieden. Wir haben dieser Tatsache unsere Aufmerksamkeit zu schenken. Hier können wir nur etwas erreichen, wenn sich unsere Stellung zum jüdischen Handarbeiter ändert und der Handarbeiter nicht als minderwertige Persönlichkeit gilt. Das deutsche Judentum darf dieses besonders wertvolle Element nicht verlieren. Der Handarbeiter muß empfinden, daß er für die jüdische Gemeinschaft ein besonders wertvoller Jude ist; das deutsche Judentum braucht gerade diese Menschen notwendig, und wenn ich die Forderung vertrete, daß sich die Gemeinden, die Wohlfahrtsinstitutionen usw. um den jüdischen Arbeiter besonders bemühen sollten, dann nicht nur im Interesse dieser Arbeiter, sondern vor allem im Interesse der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland. Zusammenfassend möchte ich sagen: Soziale Wohlfahrtspflege haben wir 20 leisten. Unsere Arbeit hat sich zu verbinden mit allen jüdischen Wohlfahrtseinrichtungen, die für Emigranten zur Verfügung stehen. Es kommt darauf an, die wandernden Juden in Deutschland zu produktiven Menschen zu machen, unermüdlich immer wieder darauf hinzuweisen, daß es besser ist, den Juden zur Arbeit zu bringen, als ihn zum Händler zu zwingen. Alles ist zu tun, um ihm Arbeit nachzuweisen. Indem ich all dies betone, merke ich, daß ich von einer Sache nicht gesprochen habe. Von der mehr sentimentalen Einstellung dem Schabbosgast gegenüber. Mir ist sie nicht fremd; aber sie hat nichts zu tun mit unserer Arbeit. Sie bleibt ein wunderbares und schönes Vorrecht des einzelnen Juden. Unsere Aufgabe aber ist es, das Große und Ganze zu sehen, Mittel und Wege zu finden, um denen zu helfen, von denen wir wissen, daß sie ohne unsere Hilfe auf die Landstraße oder richtiger, die Eisenbahn, kommen, und das durch Arbeitsbeschaffung zu verhindern. Eugen Caspary: Verwertung der Arbeitskraft der Wohlfahrtspflege einer^ Gemeinde. Der Versuch, Fürsorgemaßnahmen produktiv zu gestalten, gehört zu den schwierigsten und wichtigsten Problemen der sozialen Wohlfahrtspflege. Das ist Binsenwahrheit und Weisheit geworden, seitdem in Theorie und Praxis jeder Versuch der Problemlösung trotz vermeintlich bester und gesündester Vorschläge und Entwürfe bisher immer an dem Punkt angelangt war und gescheitert ist, wo die Verhältnisse stärker und unüberwindlicher waren als der beste Wille und die zweckmäßigste Methode. Es war gleichgültig, ob politische, ob ethische, ob soziale und letzten Endes nicht zum wenigsten finanzielle Schwierigkeiten und Bedenken in Frage kamen, eine glatte Lösung ist bisher nicht erzielt worden. Nicht in Deutschland, und noch weniger in anderen Ländern. Die Lösung, wie sie in einer nicht geringen Anzahl von öffent- — 11 —