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Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge · 1927-07-01 · 1-2 (Juli-August 1927) · page 10

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Journal
Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
Volume
1 (1927-1928)
Issue
1-2 (Juli-August 1927)
Date
1927-07-01
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Mensch als arbeitsscheu auf der schwarzen Liste bezeichnet wird. Wie oft wollte er arbeiten, welches Schicksal hatte er, ehe er wanderte? Diesen Leuten Arbeit zu verschaffen, ihnen zu helfen, erfordert unsere ganze Tatkraft. Keiner von uns wird jetzt ein Rezept aus der Tasche ziehen können: so muß es gemacht werden. Das Problem ist zu schwer. Aber es muß gelöst werden. In hundertfältiger Form. So ist unsere Aufgabe. Immer wieder müssen wir versuchen und uns nicht abschrecken lassen, weil es sich vielleicht um Elemente handeln könnte, die der Wohlfahrt nicht würdig sind. Die Zahlen reden auch da eine beredte Sprache; von rund 22 000 Namen kamen 1800 in die Warnungsliste, also keine 10 Prozent. Eine ähnliche Nachprüfung würde in den Listen der allgemeinen Wohlfahrt auch kein besseres Ergebnis zeitigen, sondern die Zahl wäre vielleicht noch erheblich höher. Ich halte es für einen Fortschritt, daß wir die sogenannte schwarze Liste abgeschafft haben. Selbst die Warnungsliste halte ich noch für reichlich bedenklich, obwohl wir sie nicht entbehren können. Aber sie soll nur dann angewendet werden, wenn wirklich ein Anlaß zur Warnung vorliegt. Dieser Anlaß ist nicht gegeben, wenn in irgendeinem Orte sich irgendeiner unhöflich benommen hat. Wir sind keine Erziehungsanstalt zur Höflichkeit, und wir haben noch keinen Knigge für Wanderer. Trotz der Warnungslisten müssen wir oft eingreifen. Und bei denen, die vom Gericht bestraft worden sind, sollen wir nicht weiter nachforschen, der Mann hat seine Strafe bekommen und verbüßt und soll als Vollbürger ohne weitere Verschärfungen und Nachprüfungen gelten. Wir sind dazu da, ihm zu helfen, daß er in den Kreis der Menschen und der Produktion wieder eintritt. Die Wanderung deutscher Juden ist nach dem Kriege wieder stärker geworden. Wir haben heute bei unseren wichtigsten Stellen wieder Ziffern von 30—40 Prozent deutscher Juden unter den Wandernden, und die Zahl steigt. Es genügt auch hier nicht, sich mit allgemein philosophischen Anschauungen zu begnügen. Wir kennen die Gründe: sie liegen zum wesentlichsten Teil in denselben Ursachen, die auch für nichtjüdische deutsche Wanderer durch Krieg, Revolution und Nachkriegszeit maßgebend wurden. Es muß nur an dieser Stelle auf einen Prozeß aufmerksam gemacht werden, den Sie vielleicht alle schon im einzelnen beobachtet haben, nämlich den Prozeß der Boykottierung des jüdischen Angestellten in Deutschland. Ich bin bereit, Ihnen eine lange Liste von Firmen vorzulegen, sie werden die Namen der größten Firmen darunter finden, bei denen es eher möglich ist, daß die Dividende gekürzt wird, als daß ein Jude angestellt wird. Natürlich unsere Finanzgrößen oder ganz große Professoren, selbst der berühmte Chemiker in München, der angegriffen wurde, werden von der Industrie geschützt. Der einfache Chemiker jedoch findet bei den I.-G.-Farben keine Anstellung, der einfache Bankbuchhalter kommt in keine Großbank mehr, obwohl die Direktoren jüdisch sind. Von der Landwirtschaft schon gflr nicht zu reden. In Berlin, bei der AEG, bei Siemens, bei anderen großen Betrieben, bei den Großbanken; bei vielen großen Konzernen ist es fast unmöglich, einen Juden unterzubringen. Welch lächerliche Anstrengungen müssen wir machen, um ein paar jüdische Jungen in die ausgezeichneten Lehrwerkstätten der großen Betriebe zu bringen. Der Kreis der Möglichkeiten verringert sich von Tag zu Tag. Ich rede dabei schon gar nicht etwa vom Bergbau. Käme ein Jude auf die Idee, Bergassessor zu werden, so wäre das eine glatte Auslieferung zum Hungertode. Die Idee, keine Juden mehr einzustellen, greift aber allgemein um sich. Wir haben Warenhäuser, die keine Juden mehr beschäftigen. Wenn man große Herrenkonfekcionsgeschäfte mit der Lupe durchsucht, findet man keinen Juden. Jüdische Angestellte gibt es in Massen. Wenn diese Massen heute auf der Wanderung aus Berlin in kleineren Orten nichts finden, wandern sie weiter. Wenn Sie Arbeit hätten, würden sie nicht wandern. Die sozialökonomische Lage dieser jüdischen Wanderer ist bedeutend schlechter als die ihrer nichtjüdischen Kollegen. - 10 -

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