Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- 1-2 (Juli-August 1927)
- Date
- 1927-07-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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allgemeinen Gegebenheiten, und daß er deshalb hinausgestoßen wird. Während der angesessene Arbeiter Kämpfe um die Arbeitsbedingungen, um die Verbesserung seines Arbeitsplatzes führt, kämpft der jüdische Arbeiter erst um das Recht auf diesen Arbeitsplatz und verliert es doch immer wieder. Wir erleben das in Deutschland aus nächster Nähe. Wir hatten Tausende von Juden, die sich in Bergwerken, Kaliwerken oder in der Landwirtschaft gut bewährt haben. Diese Menschen haben die schwerste Arbeit auf sich genommen. Es kam die Stillegung der Betriebe, der Ruhrkampf, und ganz selbstverständlich entließ man die jüdischen Arbeiter zuerst. Tausende jüdische Arbeiter aus dem Ruhrgebiet traf als erste das jüdische Schicksal. Sie wanderten nach Belgien und Frankreich ab, bemüht, sich dort ihr Brot zu verdienen. Als dort die Werke stillgelegt wurden, waren sie wieder die ersten, die ihr Brot verloren. Wir haben wohl in allen Ländern eine Arbeitsgesetzgebung, die eine Art Schutz für den inländischen Arbeiter bedeutet, einen Zollschutz für inländische Arbeit. Es wird einem Ausländer durchaus erlaubt, ein kleiner Krämer zu werden, aber verboten, ein Landarbeiter oder Bergarbeiter zu sein. Um Krämer zu sein, genügt seine behördliche Anmeldung und seine Unbescholtenheit. Wenn er Arbeiter sein will, braucht er erheblich mehr. Es handelt sich hier gar nicht um Antisemitismus, sondern einfach um die Tatsache, daß es dem Juden nicht möglich ist, auch wenn er hundertmal will, Arbeiter zu werden; viel leichter ist es für ihn, Händler zu werden. Dann wird er keine Konkurrenz füT Rothschild, sondern das jämmerlichste Händler- und Krämergeschäft anfangen, wahrscheinlich ganz unproduktiv, weil es ihm nicht erlaubt ist, ein produktiver Arbeiter zu sein. Was nützt nun die Arbeitsgesetzgebung, wenn sie Arbeitswillige zwingt, unproduktive Berufe zu ergreifen wie im Mittelalter? Die Juden wandern also, weil sie wandern müssen. Amerika ist versperrt. Diejenigen, die vor Jahren zu uns kamen, gingen nach dem Ruhrgebiet, dann nach Frankreich und werden jetzt bereits zurückgeschoben. Hier erwächst uns also die Aufgabe, immer wieder zu versuchen, diese Methoden zu ändern, abzuschaffen oder zu mildern, eine schwierige Aufgabe. Ich selbst arbeite seit Jahren auf diesem Gebiete und darf Ihnen versichern, daß ich ungewöhnliche Mißerfolge gehabt habe. Aber trotz aller Mißerfolge müssen wir unsere Bemühungen fortsetzen. Ich bin überzeugt, daß wir den Behörden, den Arbeitgebern und ganz gewiß auch den Arbeitern endlich klarmachen werden, daß es nicht nur barbarisch ist, einen arbeitswilligen Menschen zwangsweise von der Arbeit fernzuhalten, sondern daß dieses Verhalten eine schwere Schädigung des Volksganzen, der Wirtschaft, bedeutet. Wir müssen erreichen, daß diese Bestimmungen fallen. Dann wird einem großen Teil der jetzt Wandernden endgültig durch Arbeitsvermittlung geholfen werden können. Solange aber diese Bestimmungen bestehen, solange die Arbeitsvermittlung gerade für Arbeiter beschränkt ist, haben wir auch wohlfahrtsfürsorgerisch tätig zu sein — und hier beginnen weitere Aufgaben für uns. Man muß schon ein ungemein wertvoller Mensch sein, um Wohltaten zu ertragen. Noch schwerer als eine Reihe von guten Tagen ist eine Reihe von wohltätigen Menschen zu ertragen. Jemand, dessen Leben sich so abspielt, vor der Schranke zu stehen mit der bittenden Geste, und von dem noch so wohlwollenden Beamten abhängig zu sein, zu wissen, mit dieser Geste bekomme ich Unterkunft und Brot, jemand, der das erträgt von Tag zu Tag, von Land zu Land, muß ein Gott sein, wenn er kein Bettler wird. Und da er kein Gott ist, wird er ein Bettler. Die Zahl der Schnorrer ist in der letzten Zeit erheblich gewachsen. Weshalb? Es ist bestimmt keine Arbeitsscheu des einzelnen Menschen. Nichts empört mich mehr, als wenn von einem Beamten, der den Mann drei Minuten gesehen hat, ein solcher — 9 —