Mannheim
Compact Memory

Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge · 1927-07-01 · 1-2 (Juli-August 1927) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
Volume
1 (1927-1928)
Issue
1-2 (Juli-August 1927)
Date
1927-07-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2709108-2709109-2709111--016-2709191
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

derten, des Abenteurers. Bs fehlt uns fast ganz der Typ des berufsmäßigen Landstreichers, und die Tatsache, daß er uns fehlt, ist eine der Ursachen, weshalb frühere Versuche der Produktivierung, in bestem Sinne und in bester Absicht von uns unternommen, nicht zu guten Ergebnissen führten. Wir waren damals sklavisch verbunden der Arbeit, die von nichtjüdischer Seite für Wandernde geleistet wurde. Wir wissen, wie außerordentlich großartig z. B. die Institutionen arbeiten, die sich mit dem Namen Bodelschwingh verbinden. Aber nicht ohne weiteres können wir für die jüdische Arbeit fremde Ergebnisse uns zunutze machen, und wir werden heute eingehend über die für unsere Arbeit notwendige besondere Form sprechen müssen. Es bleibt ein Verdienst der Großlogen, daß sie bei einer Tagung im Jahre 1894 zürn ersten Male die jüdische Wanderfürsorge in den Kreis eigener Arbeitsnachweise eingliederten. Der allgemeine nichtjüdische Arbeitsnachweis konnte beim besten Willen diesen Menschen nicht gerecht werden. Schon damals stellte sich heraus, daß besondere jüdische Arbeitsnachweise geschaffen werden müssen, und heute erkennen wir, daß mit unserer Fürsorgearbeit für die Wandernden der Ausbau des jüdischen Arbeitsnachweiswesens auf das Engste verknüpft ist. Hier ist eine unserer wichtigsten Aufgaben. Ich habe schon vorher betont, daß der jüdische Wanderer nicht ohne weiteres als Landstreicher anzusprechen ist. Wir erkennen vielmehr, wenn wir uns mit den Menschen beschäftigen, die wir betreuen, daß auch die jüdische Wanderung in Deutschland ein Teil der allgemeinen jüdischen Wanderung ist, und daß wir hier einen Teil des großen jüdischen Weltschicksals erleben. Deutschland ist die Brücke zwischen Ost und West. Jede Erschütterung des sozialen, ökonomischen und politischen Lebens in den Ostländern macht sich automatisch in Form der Wanderung von Juden in Deutschland bemerkbar. Wenn Juden aus dem Osten andere Länder aufsuchen wollen, müssen sie über Deutschland kommen. Wir wissen aus den Berichten und Statistiken der deutschen Schiffahrtsgesellschaften, welche Rolle — und auch finanziell sehr einträgliche Rolle — die jüdische Emigration, die Deutschland als Durchwanderungsland benutzt, gespielt hat. Diese Auswanderung in überseeische Länder ist zurückgegangen, nicht weil die Not und der Druck im Osten geringer geworden sind, sondern weil die Pforten der Welt verschlossen sind. Das Kontingent, das Nordamerika dem Osten zubilligt, ist ungemein gering. Auch Südamerika und Kanada nehmen nur noch in geringem Maße und unter besonderen Voraussetzungen Emigranten auf. Es bleibt als einziges Einwanderungsland z. Zt. Palästina, aber auch dies Land kommt heute noch nicht in Frage für die Massen unvorbereiteter und unvorgebildeter jüdischer Wanderer. Inzwischen wird der Kessel im Osten weiter geheizt. Wir sind verpflichtet, zu wissen, daß über kurz oder lang ein neuer Zustrom zu uns kommen wird, denn wir sind die nächsten, zu denen sie kommen können. Daher entsteht für unsere Arbeit die Forderung, in enger Beziehung zu stehen mit den jüdischen Organisationen, die international mit der Wanderungsarbeit verbunden sind. Wir freuen uns, heute die Vertreter von Hias-Ica-Emigdirekt unter uns zu sehen. Wir bitten die Herren, die Ueberzeugung mitzunehmen, daß wir wissen, wie groß und von welcher Bedeutung ihre Arbeit ist. Die Tatsache, daß Amerika geschlossen ist und es im Augenblick kein geeignetes Auswanderungsland gibt, hat für den in Deutschland wandernden nichtdeutschen Juden eine Tragik besonderer Art geschaffen. Ich freue mich, daß wir so prominente Vertreter der führenden deutschen Behörden unter uns sehen, deshalb halte ich es doppelt für meine Pflicht, immer wieder auf die Tragödie des wandernden jüdischen Arbeiters hinzuweisen. Wir erleben in dieser Zeit erneut das mittelalterliche Schicksal, das Schicksal derjenigen, die zu produktiven Berufen streben, und die man zu dieser Arbeit nicht zuläßt. Das hat nichts zu tun mit Antisemitismus. Die jüdische Tragik ist, daß das Sonderschicksal des Juden nicht hineinpaßt in die - 8 —

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.