Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Journal
- Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- 1-2 (Juli-August 1927)
- Date
- 1927-07-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2709108-2709109-2709111--015-2709190- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Dr. Straus-München: Wir danken Ihnen allen, sowohl den Vertretern der Behörden als auch den Vertretern der großen sozialen Organisationen für das Interesse, das Sie unserer Arbeit entgegenbringen. Alle, die wir hier anwesend sind, erkennen deutlich die große Wichtigkeit des zur Verhandlung stehenden Problems. Ich erteile nun als erstem Referenten Herrn Alfred Berger das Wort Alfred Berger: Grundsätzliche Bemerkungen zur jüdischen Wanderfürsorge. Ich habe mit Absicht meinem Referat keine Leitsätze zugrunde gelegt im Gegensatz zu den folgenden Referenten, weil ich weiß, daß ich die Aufgabe habe, die ganze Problematik unserer Arbeit zu beleuchten, und weil diese Aufgabe ungemein schwer ist. Ich hoffe aber, daß unsere Aussprache uns wenigstens ein Stück weiter bringt. Schwer ist es, gerade auf diesem Gebiete sozialpolitisch und wohlfahrtspflegerisch zu ganz klaren und eindeutigen Ergebnissen zu kommen. Wir wissen aus der allgemeinen deutschen Wanderfürsorgearbeit, von der wir ja erfreulicherweise berufene Vertreter heute in unserer Mitte haben, daß auch dort die Probleme nicht ganz geklärt sind, und daß auch dort immer noch um Art und Weise der Arbeit gerungen und gekämpft wird. Das Problem, das uns heute gestellt ist, ist wie kaum ein anderes geeignet, die besondere Not jüdischer Wanderer auch in Deutschland zu erweisen. Wir wissen, daß dies kein neues Gebiet ist. Herr Dr. Haase hat schon mit Recht darauf hingewiesen, daß das Arbeiterfürsorgeamt die Mutter unserer Organisation ist. Und wir, die wir vom Arbeiterfürsorgeamt gewissermaßen beauftragt wurden, die neue Organisation zu schaffen, dürfen vor allem darauf hinweisen, daß wir ein reiches Erbe angetreten haben. Es wurde auch bereits betont, daß durch Kriegs- und Nachkriegsfolgen die Arbeit ins Stocken geriet, und daß höchste Aktivität not tat. Wenn wir heute Ziel und Wesen unserer Arbeit präzisieren, sehen wir in der Tat, daß wir gegenüber früheren Meinungen und Voraussetzungen einen wesentlichen Schritt vorwärtsgekommen sind. Wir alle sind heute überzeugt, daß es sich nicht mehr um Wanderarmenfürsorge handelt, — ein Wort, das wir mit Absicht nicht mehr gebrauchen — sondern daß wir auf Grund sozialer Gesichtspunkte helfen wollen, nicht um die jüdischen Gemeinden und das einzelne jüdische Haus vor dem wandernden Bettler zu schützen. Das mag Aufgabe der privaten Wohlfahrt des einzelnen Menschen sein, nicht unsere Aufgabe. Wir wollen den jüdischen Wanderer der Produktion wieder einfügen, nicht, weil wir dem einzelnen Juden das peinliche Schauspiel, von schlecht Gekleideten angebettelt zu werden, ersparen wollen, sondern: weil wir überzeugt sind, daß Betteln nichts Gutes bringen kann. Nicht weil wir gesättigt und zufrieden sind, lehnen wir den Bettler ab, sondern weil wir der Ueberzeugung sind, daß das Betteln ihm schadet. Darum nehmen wir uns seiner an und versuchen, zu seinem und damit zu unserem Besten ihm zu helfen. Bei der Gesamtarbeit, die wir zu leisten haben, dürfen wir nicht vergessen, daß es sich um kranke Mitglieder der menschlichen Gesellschaft handelt, die mit anderen Maßstäben gemessen werden müssen als der wohlbehütete Durchschnittsbürger, dem ganz fremd ist, aus welchem Grunde der einzelne in diese Wanderbewegung hineingeraten ist. Sobald wir den Gründen nachgehen und feststellen, warum und weshalb Menschen wandern, werden wir meistens feststellen, daß der Wandernde selbst — wenn überhaupt das Wort Schuld gebraucht werden kann, und ich halte es für ganz unzulässig, dieses Wort zu gebrauchen, — daß er selbst am wenigsten Schuld hat. Gerade bei der jüdischen Wanderung fehlt im allgemeinen ja der sonst häufig vorkommende Typ, den die deutsche Wanderung von früher her kannte, der Typ des aus der Bahn Geschleu- — 7 —