Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 2 (1920-1921)
- Issue
- 8-10 (5.1921)
- Date
- 1921-05-01
- Page
- Seite 177 (sequence 47)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2708691-2708699-2708704--301-2709037- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
" i]^enÄ*|f e Stimmen zusammen singen, hört man den Dreiklang heraus {die tiefste Stimme Grundton, die nächste Terz, die dritte Quint, die vierte wieder Grundton). Natürlich muß eine Stimme diese Töne auch durchlaufen; darin liegt das „Kunststück* beim Canon, daß alle Abschnitte seiner Melodie, die sich durch die verschiedenen Einsätze ergeben, in derselben Harmoniefolge verlaufen so daß man alle zugleich singen kann Das Kunstprinzip des Canons dagegen liegt vor allem in dem Verlauf der Tonbewegung jedes Abschnittes, deren gleichzeitiges Miteinander oder Gegeneinander eben die Polyphonie ist. Eine kompliziertere Tonbewegung als der Schustercanon zeigt der „Bruder Martin*- Im ganzen genommen geht die erste Hälfte der Melodie hinauf, die zweite hinunter, so daß alle Stimmen ein Ineinander von gieichmäßigtn Auf- und Abstiegen bieten. Aber Aufstieg und Abstieg sind wieder in sien melodisch bereichert Der Aufstieg wird durch eine Umkehr („Martin*1) von besonderem Rhythmus unterbrochen, die beim Zusammensingen sehr hervortritt, weil der zweite und vierte Abschnitt in diesem Taktteil auf einem gehaltenen Tone ruht. Auf denselben Takiteil kommt aber auch das mit »Martin* gleichlautende Ende „Glocken* des dritten Abschnittes, der darch den Auftakt, die 8tel-Bewegung und die einmalige mit den anderen Abschnitten dissonierende Unterdominante am Taktanfang („läuten*) den Beginn des Abstieges, sehr deutlich herausbringt. Die Bewegung, die dieser Canon bietet, ist, wenn man richtig den Stimmen folgt, recht kompliziert. In seiner Art, die melodisch interessanten Stellen in ihrer Funktion klar und eindringlich* zusammenklingen zu lassen, scheint mir dieser Canon von allen bei uns gesungenen am meisten polyphon. III. Lied im polyphonen Stil, „Wolauf* (s. Notecbeilage). Das mitgeteilte Lied ist von dem Typus, der um 1500 sehr gebräuchlich gewesen sein muß. Zu einem bekannten, oft viel älteren Volksliede wurden eine bis 5 Begleitstimmen hinzukompociert, jedoch oft in einer Weise, die mit unserer Auffassung von Begleitstimmen nicht zu vergleichen ist. Die Hauptstimme (Cantus iirmus) liegt meist nicht zu oberst, sondern, wie bei unserem Beispiele, in der Mitte, im Tenor. Die übrigen Stimmen sind gegen den cantus firmus höchst selbständig und haben oft eigene oder aus der Hauptmelodie abgeleitete Themen. A) Die Grundmelodie. Welcher Takt? Das stimmt für den Anfang, aber die Stellen „der kleinen Vöglein Gsang* und „sie singen mit heller Stimme* stehen in Wahrheit % Takt (der / kleinen / Vöglein / Gsang — sie / singen mit / heller/). Es herrscht keineswegs der bestimmte Wechsel betonter und unbetonter Töne vor, den wir Takt nennen. Die Töne des Liedes sind fast alle gleich betont) sind eicht von dem stetigen Auf und Ab eines Rhythmus beben seht, sondern sprechen ganz unmittelbar durch ihre Längen- und Intet vallbeziehungen und lassen nur bruchstückhaft einen Rhythmus durchklingen. Gliederung: Wolauf, gut gsell, von hinnen/ Meins bleiben ist hie cit me/ ___Der mai, der tut uns bringen/ . *) Mm* wird im Zupf viele Lieder dieser Zeit finden, bei denen die Takt •tnehe besser fehlten. 177