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Blau-Weiss-Blätter · 1921-05-01 · 8-10 (5.1921) · p. Seite 174

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Blau-Weiss-Blätter
Volume
2 (1920-1921)
Issue
8-10 (5.1921)
Date
1921-05-01
Page
Seite 174 (sequence 44)
Language
German
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Tonbewegung, sei sie einfach oder in eine sich wiederholende Tongestalt eingekleidet (C—-dur Präludium), zeigt wohl Höhepunkt, Steigerungen, Entspannungen, aber nirgends sind melodisch begrenzte, fest geschlossene Glieder aufzufinden, aus deren Beziehung das Ganze sich verstehen ließe. Hier können wir nichts tun, als eben jene Stellen nennen, die Aufstieg, Abstieg, Höhepunkt oder Ruhe bedeuten, wir können den Charakter der auftretenden Tongestalt erklären (gebrochener Accord, Lauf, synkopische oder rhythmische Form usw), und wir müssen vor allen gerade an den Präludien versuchen, das Verständnis harmonischer Zusammenhänge zu vertiefen. Das Verständnis eines Werkes, das auf der Wirkung einer reines Tönbewegung beruht (Mittelsatz des italenischen Konzerts von Bach), öffnet den Weg zur mehrstimmigen, kontrapunktischen Musik. Zunächst zieht der ungeschulte Hörer die unteren Stimmen eines mehrstimmigen Klaviersatzes mit der oberen zum Accord zusammen, ohne daß er den eigenen Verlauf jeder Stimme bemerkt, ja ohne daß er die Stimmen überhaupt aTs selbständige Töne hört Hier bietet sich uns ein vortreffliches Modell zum Erkennen der polyphonen- Form im Kanon, von dem einzelne Vertreter wohl bei jedem Bunde heimisch sind. Der Eigenwert einer Stimme kann garnicht dem unbewußt bleiben, der diese Stimme selber singen muß und ihre Eigenart ständig gegen die rhythmischen« melodischen und harmonischen „Angriffe" der anderen Stimmen zu „verteidigen* hat. Schließlich wird man auch die Zweistimmigkeit von Bachs zweistimmigen Inventionen deutlich machen können. Wenn die sozusagen „technischen* Schwierigkeiten des polyphonen Hörens erst überwunden sind, werden Bachs Klaviersonaten mit der Wucht ihrer Bewegungsgestalten ganz unerschöpflichen Stoff musikalischen Lernens bieten. Noch schöner und eindringlicher ist die polyphone Kunst an Bachs Vokalwerken zu studieren, die wir z T. wohl selber üben und singen können. Nun öffnet sich der Blick für die Instrumentalmusik. Der Eigenwert jeder Instrumentstimme wird erkennbar. Die Bünde, die das Glück haben, ein Quartett oder ein Trio stellen zu können, werden sich im Rahmen dieser inhaltlichen oder, wenn man will, formalen Musikbetrachtung ungeheuer viel Anregung geben können. Aber auch jeder Klavierspieler wird den Ausdruckswert der Begleitung erst würdigen, wenn er ihre Gestalt im Sinne der Polyphonie auf die Hauptstimme beziehen gelernt hat. Der ganze große Kreis derer, die einer richtigen Erklärung der thematischen Erscheinungen des Liedes und der homophonen Klaviermusik folgen können, wird sich beim Eintritt in die Betrachtung mehrstimmiger Tonkunst vielleicht sehr verengern, aber dieser Gegenstand braucht ja nicht wie dasLieaV Allgemeingut jedes Bundes zu sein, und die, welche jener Vertiefung der Musikanschauung haben folgen können, werden gerade im kleineren Kreis durch ernsthafte gemeinsame Weiterarbeit sehr geföidert werden; das Entscheidend© bleibt nur, daß alle stilistischen und theoretischen Betrachtungen gestützt und überwogen sind von der Freude an der sachlichen Beherrschung des Kunstwerks. Beispiele. Hier soll gezeigt werden, w a s etwa zu den angeführten Tonwerken ' gesagt werden kann, nicht w i e es gesagt werden soll. Die Art der Darstellung 174

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