Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 2 (1920-1921)
- Issue
- 8-10 (5.1921)
- Date
- 1921-05-01
- Page
- Seite 173 (sequence 43)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Einfühlung erreicht wurde, kann man nun den harmonischen Aufbau des Liedes andeuten. Hier ist am Anfang eine genauere Darstellung sehr schwer. Das Gefühl für Harmonie, Dissonanz, Tonart und Modulation ist bei Vielen weit undeutlicher, als das melodische Empfinden. Man wird durch eine Vorlesung über Harmonielehre wenig erreichen, wenn Tonica und Dominante für den Hörer noch keinen Ausdruckswert haben. Man wird sich am Anfang auf das mäßigen müssen, was der Hörer, durch das Verständnis des melodischen Zusammenhangs vorbereitet, wirklich mitfühlen kann. Nach und nach weitet sich dieses Maß, und auf diese Weise kann schließlich immer mehr Harmonielehre herangezogen werden. Das Primäre bleibt aber die Darstellung des Thematischen und Rhythmische*. Es ist gut, von vornherein auch Instrumentalwerke von einfachem thematischen Bau zu besprechen: Klaviersonaten von Haydn, und vor allen die frühen Beethovenschen; hier taucht von selbst die Frage nach der Begleitung auf. Wenn das melodische System klar geworden ist, wird man die Bedeutung der Begleitung (lang gehaltene Accorde oder Staccati, Accordtriolen, Läufe, sehr tief oder dicht an der .Oberstimme usw.) leicht bewußt machen können. Eine frühe Beethovensonate ist vielleicht von allen Klavierstücken am meisten der Erklärung zugänglich; stellt man daneben einen kurzen Satz von Mozart, so wird uns jetzt sogleich dessen weit kompliziertere Zusammenstellung auffallen, und hier ist vielleicht ein Punkt, wo ♦eine stilgeschichtliche Betrachtung {Rococo und Klassicismus) bei musikalisch Geschuiteren gegenständlich und fruchtbar werden könnte. Man wird auch an dem scheinbar zeitksen Volkslied solche Stilmomente finden können; aber diese Dinge dürfen keinesfalls in den Vordergrund treten. Das Wesentliche bleibt die Erweckung der musikalischen Aufmeiksamkeit. Die Konsequenzen, die sich aus einem richtig verstandenen thematischen Aufbau ziehen lassen, sind sehr mannigfach. *Man kann z. B. oft leicht durchaus mit Worten klar machen, warum dieses Lied oder Klavierstück schnell, jenes langsam gespielt werden muß. Allerdings gibt es dafür keine mathematischen Beweise; man führt das verwickelte Ganze auf einfache Elemente zurück, aber nicht auf Elemente der Mathematik, sondern auf Elemente der Musik. Dieses Zerlegen ist aber bei komplizierteren Tonwerken deshalb kaum möglich, weil dar häufig wiederholte Vortrag musikalischer Bruchstücke, der sich dann nicht vermeiden läßt, den Hörer übermüdet, und seine musikalische Empfindung abstumpft. Wir müssen uns also auf Musikstücke einfacherer Art beschränken und durch ihre Besprechung den Hörer dahin zu bringen suchen, daß sie schwerere musikalische Gegenstände von sich aus bewältigen. Wenn uns die Verdeuü&hucg thematischer Zusammenhänge einigermaßen geglückt ist, haben wir erst einen Teil der musikalischen Ausdrucksgrundlagen festgelegt Es bleibt die schwierigere Aufgabe, den Ausdruckswest der Tonbewegung als solcher zu zeigen. Mit den Gesichtspunkten, die uns zum Verständnis eines Beethovenschen Scherzosatzes verhelfen, werden wir z. B. bei den meisten Präludien aus dem ersten Band des wohltemperierten Klaviers oder bei f&i langsamen Sätzen von Bachs Sonaten für Geige und Klavier nichts ausrichten. Hier gibt es keine Gliederung in wahrhafte Ausdruckseinhelter; die