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Blau-Weiss-Blätter · 1921-05-01 · 8-10 (5.1921) · p. Seite 158

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Journal
Blau-Weiss-Blätter
Volume
2 (1920-1921)
Issue
8-10 (5.1921)
Date
1921-05-01
Page
Seite 158 (sequence 28)
Language
German
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Beobachtung nötig, damit man über den relativ zu anderen Naturgegenständen geringen Umfang bloßer Wahrnehmungen hinwegkommt Der geringötesittlichen Differenziertheit des Sternhimmels ist eine leicht zu übersehende ßtänäügpt gepaart, und darauf beruht die besonders enge Verbundenheit der Astronomie mit der mathematischen Naturwissenschaft. Von allen Naturerscheinungen fügen sich die Vorgänge des Himmels am leichtesten einer mathematischen Gesetzlichkeit, an ihnen manifestiert sich am frühesten in der Geschichte der Wissenr schaft die Denknotwendigkeit, die jeder Wissenschaft von der Natur zugrunde liegt: die Fülle der beobachtbaren Erscheinungen auf möglichst wenige, denkbar einfache allgemeingültige Beziehungen, „Naturgesetze", als ihre Ursachen zurückzuführen. Dieses starke Hervortreten der Theorie in der Astronomie führt vielfach dazu, sie ganz verkehrt darzustellen. Als fertige Tatsache wird der Bau des Sonnensystems erklärt, wird die Gleichheit der auf der Sonne vorkommendes Stoffe mit den irdischen erwähnt, wird die ganze Theorie des Weltenbaus als ein höchst spannender Roman entwickelt: denn die Theorie erklärt ja die Erscheinungen. Unberücksichtigt bleibt, daß wohl die Theorie die Erscheinungen» begreiflich macht, daß sich aber die Theorie eben erst aus der Verknüpfung der beobachteten Erscheinungen ergibt. Der Prozeß der Wissenschaft verläuft als ewiges Wechselspiel zwischen Beobachtung und Begreifen der Beobachtung durch die Theorie. Sehr deutlich zeigt sich dieses Spiel an der Entwickeiung des Weltbildes. Dem unmittelbaren Eindruck der über dem Horizont den Raum abschließenden blauen Wand entspringt d:e Vorstellung des Himmels als der Kuppel mit den silbernen Nägeln — schon eine Theorie! Es wird die Drehung dieser Kuppel beobachtet als eine immer gleichmäßig verlaufende Bewegung, und so bildet sich aus der Beobachtung die Theorie, daß diese Drehung das Gesetz des Himmels sei. Diesem Gesetze fügen sich jedoch nur die „Fix^sterne, die wirklich unverändert, was ihre gegenseitige Stellung anlangt am Himmelsgewölbe haften, und es wird eingesehen, daß für Sonne, Mond, Planeten eine Sondergesetzlichkeit notwendig ist In Aegypten, wo in hellenistischer Zeit babylonischer Beobachtungsschatz und griechischer Wille zur «Gesetzlichkeit zusammenströmen, entsteht die Epizyklentheorie des Ptolemäus, die nun die gesamte astronomische Erfahrung ihrer Zeit glänzend zu einem System zusammenschließt. Das ganze Mittelalter hindurch wird die Beobachtung wenig gefördert, und das von den Arabern überlieferte Werk des Ptolemäus, der Almagast, bleibt astronomischer Kanon. Also: wo keine Förderung der Beobachtung, da keine Erweiterung der Theorie. Durch des Kolumbus Weltumseglung wird die Erde als Kugel anerkannt Die für Ptolemäus selbstverständliche Theorie „die Erde ist Mittelpunkt der Welt* wird fraglich, und Kopsrnikus findet, daß das Bdobachtungsmaterial eine einfach e r e Verknüpfung zuläßt, wenn an Stelle der geozentrischen Theorien eine heliozentrische tritt. Und auch Galilei, Kepler, Newton, Herschel haben immer nur auf neuen Beobachtungen fußend die alten Theorien anfechten oder ergänzen, ihre neue Theorie begründen können. 4, Jede astronomische Belehrung muß dieser Wechselbeziehung zwischen Beobachtung der Einzelerscheinungen und ihrer Verknüpfung zur Ganzheit durch die Theorie gerecht werden. Wenn auf der einen Seite das bloße Be- 158

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