Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 2 (1920-1921)
- Issue
- 8-10 (5.1921)
- Date
- 1921-05-01
- Page
- Seite 152 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Geologie* Marmorplätten auf Waschtischen sind nicht nur nützliche und mitunter auch schöne Dinge, sondern fuhren zu den interessantesten Fragen» wenn ihre Entstehung bedacht wird. Man braucht nur einen Schritt aus dem Haus m machen, um im Steinpflaster der Straßen Gegenstände zu finden, die zu Prägen gleicher Art Anlaß geben. Und je mehr man sich von der Wohnung entfernt an den glitzernden Mauerverkleidungen der Geschäfte oder an den prunkvolleren Bauten vorbeigeht, die aus Haustein aufgeführt sind, desto mehr häufen sich diese Fragen, wenn man sie nur zu stellen versteht. Und einmal ins Freie gekommen, werden wir dort von selbst auf sie gestoßen, wo das Gestein offen zutage liegt. Diese O/te, an denen sich der feste Untergrund „aufschließt*, sind in gebirgigen Gegenden häufiger als in der Ebene. Natürlich »anstehender* Fels wird in ihr nicht zu finden sein, und die Wege des Verkehrs, Straßen und Eisenbahn, werden nur selten den steinernen Grund anschneiden. Man muß dennoch nicht erst an den Tagbau auf Kohle und den Bergbau auf Kalkstein, wie ihn die Berliner vielleicht von Rüdersdorf her kennen, denken, um auch in der Ebene Aufschlüsse zu entdecken. In Steinbrüchen und Sandgruben entblößt sich überall die Natur der Erdkruste, und die Steine am Chausseegraben oder vom Acker, ja der Ackerboden, die „Erde* selbst sind die Erzeugnisse von Vorgängen, die jene Fragen deuten wollen. Diese Vorgänge gehören längst vergangenen Zeiten an, aber genaue Beobachtung der Fluß- und Bachränder, der Wirkung des fließenden Wassers überhaupt oder der Frühlingsstürme, die die noch unbewachsene Ackerkrume abwehen und als Staub mit sich fortführen, lehren deuliich, daß Vorgänge gleicher Art und gleichen Umfangs sich noch heute bildend erweisen. Dem Altertumsforscher ähnelt der Geologe nur auf einem Teilgebiet seiner Arbeit, und auch hier nur äußerlich; im Grunde befindet sich sein Gegenstand in unaufhörlicher Veränderung und stetem Wachstum. Aber ein gleiches Gesetz bestimmt die Bildungen, deren Entstehung wir erleben und die längst gewordenen, die Mensch und Säugetier niemals erlebten.— In dieses Gesetz eindringen bedeutet die Landschaft verstehen, die uns umgibt Denn in ihrer Erscheinung spiegelt sich die Gesamtheit aller jener Kräfte, die. aufbauend und zerstörend, am Werdsn der Erdkruste beteiligt sind. Die Landschaft von heute war nicht die von gestern und ist nicht die von morgen; sie erzählt die Geschichte der Erde bis auf diesen Tag. Nicht immer haben sich dört Ebenen gedehnt, wo sie heute sich ausbreiten, nicht immer haben auf gleichem Raum Berge geragt, und auch das Meer füllte niemals die gleichen Senken. Das höchste Gebirge ist kaum das älteste, und, wo zwischen Spitze und Spitze heute Mulden und Täler tief hinabreichen, waren einst vielleicht die größten Erhebungen. Die Landschaft von heute verstehen wird also heißen, theoretisch, sie als Gewordenes zu begreifen, praktisch, sie an Ort und Stelle, aber nicht nur an Ort und Stelle auf ihre Entstehung hin zu befragen. Für die Deutuug eines heutigen Gebirges ist die Untersuchung des hügeligen und ebenen Vorlandes, eines heutigen Kontinents, die des Meeresuntergrundes, von höchster Wichtigkeit. i>as Oberflächenbild der Landschaft ist durch ihr Wesen zwar bestimmt, bedeutet sie aber nicht selbst.