Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 2 (1920-1921)
- Issue
- 8-10 (5.1921)
- Date
- 1921-05-01
- Page
- Seite 146 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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klar, aber doch schon angedeutet sehen wir den Weg, der zu .einem, „natürlichen* System der Pflanzen geführt hat. Die gewordeiieüOTalize^ wird nicht als etwas Starres und schlechthin Unveränderliches hingenommen, sondern Entwicklung und Leben wird in das System mit einbezogen. Durch Vergleich entdecken wir im Verfolg dieser Fragestellung Zusammenhänge, hinter die uns das starre Bild der aufgewachsenen Pflanze nie hätte kommen lassen. 2. Die Geschichte des natürlichen Systems ist lang und kennt nicht nur Fortschritte. Einer botanischen Übung, die im Grunde nur der Arzneikunde, also der Medizin diente, tncüte die wissenschaftliche Aufgabe, die Pflanzenwelt systematisch zu ordnen, natürlich fremd sein. In diesen Anfangsgründen ist die Botanik eben keine Wissenschaft, sondern trug allenfalls Material zusammen, das eine wissenschaftliche Erkenntnis benutzen konnte. Diese betrachtete die Pflanzen nicht mehr unter dem Gesichtspunkt ihrer Verwendung und ihres Nutzens für den Menschen, sondern als Gegenstände der Forschung. Jetzt erst trachtete man danach, die Pflanzen als Lebewesen unter ihres eigenen Bedingungen zu erklären. Die Entwicklung der botanischen Wissenschaft drückt sich in dem jeweiligen Stande der Kenntnisse vom systematischen Zusammenhang der Pflanzen aus. Der Begründer der wissenschaftlichen Systematik ist Linnfc. Er war nicht der erste, der die Pflanzen unterschied und benannte, stammt doch ein großer Teil der Pflanzennamen schon von Plinius. Aber er ist der erste, der den Versuch einer Ordnung der Pflanzen nach einem durchgängigen Prinzip machte; er teilt die Pflanzen in 24 Klassen, nach der Zahl und Anordnung der Staubblätter. Eine leichte Orientierung in der erdrückenden Fülle der Erscheinungen war nun gestattet; aber obwohl die Sexualorgane durch groß2 Konstanz in Verwandtschaftskreisen sich auszeichnen« war das, was hier vorgenommen war, eine Vergewaltigung der Natur. Wir sahen oben, daß alle Glieder des Pflanzenkörpers Schwankungen unterliegen und begriffen, daß nur die Berücksichtigung der Gesamtheit der Erscheinungsformen den Zusammenhang der Pflanzengruppen vermitteln kann. Daher wird es nicht wundernehmen, daß im Linn6schen System eine einheitliche Gruppe wie z. B. die der Gräser dadurch stark auseinander gerissen wird, daß die Zahl der Staubblätter zufällig hier und dort variiert Da dieses System obendrein in sich vollkommen abgeschlossen und nicht mehr erweiterungsfähig war, verlor es jede Beziehung zum Leben und wurde in den Köpfen unbedeutender Nachfolger ein terminologisches Spiel. Rousseaus Ansicht, man könne »ein sehr großer Botaniker sein, ohne eine einzige Pflanze mit Namen zu kennen*, ist daher als das Zeichen einer beginnenden Reaktion aufzufassen, die sieh mit Heftigkeit gegen den Formelkram einer erstarrenden Wissenschaft wandte. Auch der Doppelname der Pflanzen (Gattung und Art), durch den eist eine sichere und überall gültige Benennung gewonnen war, ist auf Linne zurückzuführen. Märzbecher (Narzissus Pseudonarzissus) und Narzisse (Narzissus poeticus) erkennen sich schon durch den Namen Narzissus als Angehörige der gleichen Gattung, der sie als besondere Arten untergeordnet sind. Die bei Linn6 fehlende Kategorie der Pflanzenfamilie wurde erst von Jussieu und de Candolle eingeführt; wodurch ein großer Fortschritt in der Entwicklung des Systems erreicht war. Jetzt konnte man die natürlichen Gruppen erweitern und sie ihren Verwandtschaftsverhältnissen gemäß gruppieren. Diese Begriffe 146