Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 2 (1920-1921)
- Issue
- 8-10 (5.1921)
- Date
- 1921-05-01
- Page
- Seite 145 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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flanzen, und wir wissen, daß er unterhalb der Erde eine Wurzel hat, die ihm Halt bietet und Wasser und Nährsalze zufuhrt. Sind nun alle diese Teile, die wir wie am Baum, an jeder Pflanze unterscheiden, auch schon im Samen als von einander getrennte Anlagen enthalten? Oder haben sich nicht die einen Teile erst aus den anderen entwickelt? Nun, schon die Schule hat cns gelehrt, daß im Samen neben den Keimblättern nur die Anlagen von Wurzel und Sproß zu finden sind. Aus der Wurzelanlage entwickelt sich die Hauptwurzel, aus dem Sproß die Hauptachse (Stamm oder Stiel), die die Fähigkeit hat, sich zu beblättern. Die Wurzel streckt Seitenwurzeln aus, der Sproß bildet Seitenachsen (Zweige), die sich ebenfalls belauben können. Wurzel wie Sproß entwickeln immer neue Anlagen, damit von einer Fähigkeit zeugend, die cur der Pflanze zugehört, aus Organen immer wieder neue Organe hervorzubringen. Alle Pflanzenorgane entstehen also aus den drei Grundorganen: Wcrzel, Sproß und Blatt; durch ihre Umbildung (Metamorphose) entsteht die große Mannigfaltigkeit der verschiedenen Glieder des Pflanzenkörpers. Ein ursprünglich z. B. als Wurzel angelegtes Glied kann sich im Laufe der Entwicklung so verändern, daß von dem, was wir als das Typische einer Wurzel ansehen, nichts mehr übrig bleibt Die Möglichkeiten der Umwandlung seien an einem Beispiele kurz erläutert Der Sproß wächst gewöhnlich zum Stamm oder Stengel aus und bringt als solcher Zweige und Blätter hervor. Unter dem Einfluß besonderer Bedingungen aber, auf die hier nicht näher eingegangen werden kann, wird der Sproß zum winden den Stengel (Gartenbohne), zum leblosen; wachstumsonfähigen Dorn (Schlehe; ein Stachel, z. B. bei Rosen, Brombeeren, Disteln ist nicht das Ergebnis einer Metamorphose, sondern ein Oberhautauswuchs!), xnm Wasserspeicher (Kakteen und einige exotische Wolfsmilchgewächse), iu blattartigen Gebilden, also auch mit der Übernahme der typischen Funktionen des Blattes (Ruscus aculeatus), zu Nadeln (Spargel; die Schuppen, die auf den Nadeln aufsitzen, sind hier ebenso die echten Blätter wie die .Si*cheln* der Kakteen), zu Ranken (Wein, Gurke, Kürbis, Zaun winde), zu Ausläufern (Erdbeere, kriechender Hahnenfuß), zu Winterspeiebern (Krolle der Kartoffel; unterirdisch verdickte Ausläufer 1), zur unterirdischen knolligen Hauptachse (Herbstzeitlose, Crocus), zum R h i z o m (Gräser, Farnkräuter, Maiglöckchen, Schwertlilien, Teichrose? Waldanemonen usw.), zu Zwiebeln (Sproßachse wenig entwickelt, Zwiebelschalen: Blätter) endlich zur Blüte (ein Sproß, der als Blätter Blüten-, Frucht- und Staubblätter tiägt). Auf die Metamorphose der Pflanzen kann hier nicht näher eingegangen werden. Sie allein ist das ordnende Prinzip, von dem aus die Pflanzenwelt verstanden werden kann, sie zeigt, daß es keine „Definitionen" für Blatt, Sproß and Wurzel gibt, daß alle Organe im Pflanzenleben einem dauernden, wenn auch bestimmten Wandel unterworfen sind. Äußere oder innere Bedingungen können Gestalt und Funktion der Organe und damit die ganze Pflanze noch *o verändert haben, durch die Tatsache der Metamorphose und den Rückschluß auf ihre Entstehung können wir die nähere Verwandtschaft der Pflanze wit noch so anders aussehenden feststellen. Die Fragen, die eine Pflanze zunächst an uns stellt, wenn wir ihren Bau tiefer begreifen wollen, werden also die sein: Was war angelegt? und: Was ist daraus geworden? Noch un- 145