Mannheim
Compact Memory

Blau-Weiss-Blätter · 1921-05-01 · 8-10 (5.1921) · p. Seite 143

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Blau-Weiss-Blätter
Volume
2 (1920-1921)
Issue
8-10 (5.1921)
Date
1921-05-01
Page
Seite 143 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2708691-2708699-2708704--267-2709003
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

griechische Anschaulichkeit, mit der er die Theorie in sich trug und durch die Erfahrung förderte, dieses freimütige, plastisch-klare Sehen ist der wunderbarste Gewinn seiner Persönlichkeit ■ Und bei allen zeitlich beiirgten Irrtümern erweist uns das Leben des Menschen Goethe vor allem das Eine: Wie jemand, der die Welt um sich rur undeutlich von dunklen Gefühlen umnebelt vor Augen trägt, notwendig auch selbst zu ionerst dumpf und leer an Erleben sein muß. Je mannigfaltiger sich nun aber das Aeußere gliedert, je vielfältiger und differenzierter sich ihm das Sein in seiner Ordnung darbietet, desto reicher und desto belebter wird auch das menschliche „Innen*. Und wie in stetem Wechselbezug Außen und Innen sich steigern, wird von neuem offenbar, aus welchen Gründen ein Ich, das sich durch einen Abgrund von der Weit geschieden fühlt und, allein an das Rauschen der dumpfen Gefühle hingegeben, dem fruchtbaren Außen das Auge verschließt, steinern, armselig und leer bleibt. Und eine Erziehung, die über den Riß nicht hinauskommt, der jedem bloß landschaftlichen Sehen letztlich zu Grunde liegt, bleibt also stoffarm und hohl Erst wenn sie die ganze stoffliche Masse der Welt an sich zieht und durch die Formen, in denen der Stoff von den stets fortschreitenden Wissenschaften immer aufs neue geordoet wird, in ihrem Sinne gemäß ihren Grundsätzen also nutzbar macht, kommt sie ihrer Bildungsaufgabe nach, und vor solchem Reichtum bleibt jeder Stoffmangel unverständlich. X, Indessen birgt jede Erziehung durch einen andern, selbst wenn sie bis zu dieser Stufe der Klarheit über ihren Sinn gelangt ist, eine letzte Gefahr, welche gar nicht überschätzt werden kann. Einer nämlich, der in jungen Jahren von einer Reihe von Erziehern beeinflußt wurde, bleibt leicht in solchem Maße gewöhnt, anderer Unterstützung zu genießen, und sie das eigene Tun verantworten zu lassen, daß er am Ende die Mühe aus eigenem entschlossen zu handeln scheut und dort, wo er zu verantwortlichem Tun gezwungen ist,, in schlimms'er Unsicherheit der Entscheidung ausweicht, oder dem ersten Besten, der nur seine Schwäche zu nutzen versteht, schlechteren oder besseren Erziehern und Beeinflussern in die Hände fällt. Es muß also die Erziehung, je weiter sie fortschreitet, um so stärker danach drängen, dem Erzogenen immer stienger und bewußter die Verantwortung für (Jas eigene Tun und Treiben xo übergeben. Sie lehre ihn Gutes von Bösem, Schönes von Häßlichem, Wahres von Falschem zu scheiden, aber die Maßstäbe blieben hölzern und unbrauchbar« wenn der also Belehrte sie aus eigener Einsicht und in Verantwortung vor sich selbst durch die eigene Erfahrung und Ueberlegung nicht stets aufs neue zu prüfen und zu bewäh»en verstünde, wenn dem stetig sich Bildenden nicht auch die Maße sich weiteten. Und so weist alles bisher Gesagte zwingend auf diesen Gedanken als auf seine Kröpfung hinr Daß jeder sich selbst im Bewußtsein der eigenen Verantwortung zu gestalten, nämlich zu erziehen habe, daß jeder sich selbst eine unendliche Aufgabe sei, Die Einsicht des Einzelnen so weit zu treiben, daß er in Klarheit die eigenen Möglichkeiten beuiteile und danach abwägend Förderliches an sich ziehe und Schädliches ab- WtsJ* das €r aber dieses sein Tun vor sich selbst, nämlich vor der eigenen Einsicht in Gut und Böse, Wahr und Falsch voll verantworten könne, das Jst das Ziel der Erziehung des einen durch den andern. Letztlich aber muß jeder d*e «£ene Bildung selbst in die Hand nehmen. So wird also der Gedanke an 143

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.