Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 2 (1920-1921)
- Issue
- 8-10 (5.1921)
- Date
- 1921-05-01
- Page
- Seite 142 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2708691-2708699-2708704--266-2709002- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
fassender, immer reicher gegliedert ins Unendliche hin wachsen läßt Denn erst, wenn man" begreift, daß dio Ordnung kein starres und einschnürendes Geappe für den Bau der Welt ist sondern nach allen Seiten hin Beziehungen und Ausblicke ohne Ende möglich macht, wie sie in ihrem stetigen Prozell immer aufs neue das Sein formt, wie also die Schale der Kugel sich stets höher und höher wölbt, hat man ihren Gehalt erfaßt Und von hier aus wird nun auch der Sinn einer Erziehungsarbeit erst ganz begriffen sein, welche gegründet ist auf diese ihrer Idee nach ewig fortschreitenden Wissenschaften, den Blick nach allen Richtungen hin für die ins Unendliche gegliederte Ordnung weitet. Mag also auf solche Art, die das Gleiche und das Verschiedene sorgsam abwägt, der Hinweis auf die Griechen für uns fruchtbar werden und dankbar zugleich Piatos, ihres größten Denkers, unerschöpfliche Wirksamkeit verzeichnet sein. IX. Nächst ihm haben all dem hier Gesagten, das gleichsam am Beispiel der Natur als Stoff der Erziehung Grundlagen der Erziehung überhaupt darstellt, zwei Männer den Weg gewiesen, deren Leben und Werke mehr oder minder ausdrücklich den Ausgangspunkt dieser erzieherischen Tradition bildeten und die hier zu nennen nicht allein ein Geheiß der Ehrfurcht, sondern auch eine Forderung der Sache selbst ist: Kant und Goethe. Von Kant an dieser Stelle ausführlich zu reden, würde wenig sinnvoll sein; denen, die den Gedankenkreis der transzendentalen Methode kennen, wird sich schon durch die gedankliche Ordnung, die die Erinnerung an sein Werk wachruft, das Verständnis des Dargelegten« besonders was -die Begriffe und die Beziehungen zwischen Idee, Gesetz, Anschauung und Wissenschaft anlangt, vertitfen. Für andre hier von ihm zu sprechen, das hieße in die Luft bauen. Indessen darf man gerechterweise von jedem, der Träger und Uebermittler *on Kulturwerten sein, will, von jedem Erziehenden also, verlangen» daß er das Werk und den Sinn des Goethes^henTSeos erfaßt habe. So mag also mit einrgen Gedanken auf seine Naturbdrachtungen verwiesen sein, als auf ein praktisches Paradigma der oben geschilderten. Beinahe jeder Künstler nämlich und allgemein gesprochen, zum mindesten jede Kulturepoche der neueren Zeit hob eine besondere Landschaft aus der Fülle des Natürlichen heraus und pflegte ihre Vorstellung mit besonderer Liebe» weil sie der besonderen kulturellen Haltung am meisten entsprach; erinnern wir uns nur eiwa an die klassische Landschaft, die Hölderins «Archipelsgus» an die romantische, die Goethes Werther, an die „naturalistische*» um auch dieses Paradoxon hier zu verzeichnen, die etwa Flaubert malt Goethe dagegen schildert, nachdem er einmal die Romantik hinter sich ließ, niemals mehr eine Landschaft im eigentlichen, rein malerischen Sinne des Wortes, sondern seine Art die also vielmehr auf Griechenland zurückweist als selbst die des klassischen Winkelmann, sucht ia ruhiger, der Wissenschaft verbundener Arbeit die gesetzlichen Zusammenhänge durch die eigne Anschauung zu bewähren» und so das Ganze seiner Idee nach durch das Einzelne hindurch zu _yerstehen. Kraft der Hoheit seiner immer vollkommenem Maßstäbe beurteilt er in den Werken seiner Reifezeit, in der italienischen Reise, im Wilhelm Meister die Natur mit der gleichen Unbefangenheit, wie alles Menschliche und im Verein mit ihm. Ds* geistige Freiheit aber, mit der er sich dieser Maßstäbe bediente» die klare» 142