Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 2 (1920-1921)
- Issue
- 8-10 (5.1921)
- Date
- 1921-05-01
- Page
- Seite 141 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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VIII. Mag dieser Ausblick genügen, um zu zeigen, wie sich in der Erziehung zum Sehen in der Natur Prinzipien aller Erziehung aufweisen lassen! Von hier aus wird nun auch einem Gedankengang das Verständnis gesichert, der oben vielleicht als ein unnötiger Exkurs bewertet werden mochte: der Hinweis au! die Griechen. Wer nämlich in dieser Art die Naturvorgänge und Zusammenhänge beurteilen und sehen gelernt hat, der hat längst jenen Riß zwischen dem Ich und der Welt in einer höheren Sphäre überbrückt, und seine Einstellung muß Festigung gewinnen, wenn er bei den Griechen eine in vielem andere aber doch im Gedanken der einen, alles umspannenden Ordnung gleiche Haltung erkennt ~ . \ Indessen wird an diesem Punkte zugleich auch deutlich, worin wir an den Griechen gemessen vorwärts kamen. Denn war der griechische Kosmos umfangen von dieser schlechthin göttlichen Ordnung, so gliedern und ordnen wir, immer von neuen Einzelheiten zu neuen Unterscheidungen und Zusammenhängen steigend, hunderlfältig mehr, gemäß der Verzweigtheit und Differenzierung der Wissenschaftsmethodan. Fragt man nach den Eigenschaften des Steins lediglich als quantitativ bestimmter Masse, z. B. mit Bezug auf die Schwerkraft so erfolgt die Antwort auf Grund der physikalischen Theorie, fragt man nach seiner stofflichen Zusammensetzung, so ordnet man ihn gemäß chemischen Theorien in eins mit Säuren, Basen, Alkoholen und Fetten, fragt man nach seinem Alier, nach dem Sinn seiner Schichtung, so muß die geologische Theorie die Lösung geben. Und wie also die zahllosen Wechselspiele zwischen Frage und Antwort im Sinne einer Theorie sich ordnen durch verschiedengeartete, gegeneinander abgegrenzte Wissenschaftsmethoden, so sind diese, wie es das Beispiel an Physik, Chemie und Erdgeschichte zeigt, bei aller reinlichen Scheidung dennoch eDger oder weiter aufeinander bezogen; und sie einen sich als Glieder des Systems der Wissenschaften oder, was dasselbe ist, in der Uee der Wissenschaft, die ihnen allen zu Grunde liegt. So wird es verständlich, daß sie als Geltungsgebiet eigener Art. den Geltungsge* bieten der Kunst, der Religion, des Rechts usf. gegenübersieht, und die Gesamtheit dieser in irgend einer Art gültigen, das System aller Geltungsgebiete ist recht eigentlich die Idee des Alis, der Kosmos, ist die Ganzheit, von der wir oben sagten, es gälte ihre Einzelheiten sehen zu lernen, um die Zusammenhänge, die sie zu einefn geordneten Ganzen knüpfen» zu erkennen. Gelang es nun durch all das hier Gesagte deutlich zu machen, wie die Anschauung des Ganzen die Vorstellung von dem Einzelnen befruchtet und wie die vertieften Beziehungen der Einzelheiten wiederum den Begriff und also die Anschauung von dem Ganzen reicher und weiter gestalten, gelang es, diesen unendlichen Prozeß, in dem sich das Seiende entfaltet klar' ins Bewußtsein zu bringen, so ist wiederum, worin wir über die Griechen hinausgehen, siebtbar gemacht Denn der Kosmos der Griechen ist ein endlicher, statisch ruhender, das Bild dagegen, durch das wir die Idee des Alls anschaulich zu machen vermögen, ist nicht eine endlich begrenzte, in unbewegter Ruhe vsrharrende Kugel, in der sich dem großen Parmenides das wahre Sein darstellte (und die für ihn sicherlich kein Bild war); sojsdern uns vefanschaulicht sich die geordnete Welt durch eine Kugel, die von einem Mittelpunkte aus ihren Umfang immer um-