Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 2 (1920-1921)
- Issue
- 8-10 (5.1921)
- Date
- 1921-05-01
- Page
- Seite 140 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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vertraut macht Der Ungelernte fragt gern und viel. Und es ist die Aufgabe des Erziehers, nicht nur die Frage zu beantworten, sondern vor allem selbst durch Prägen anzuregen, d. h. auf Fraglichkeiten zu verweisen und falsch gestellte Fragen durch entgegengehaltene lichtig zu stellen. Auf die Frager „Warum denn im Herbst die Blätter abfallen?\ ist mit der Antwort: „Weil sie alt werden*, gar nichts getan; sondern erst, wenn durch Beobachtung gezeigt ist, daß ja eigentlich nur die Blätter der Bäume fallen, während die Blätter der Gräser meist am Halme verdorren, kann durch allmähliche Einführung in die Methode der Botanik und der Ptfanzenbiologie und ihre Theorie gezeigt werden, aus welcher Notwendigkeit heraus der Baum beim Beginn der kalten, licht- und wasserarmen Jahreszeit die nährenden Säfte .aus den Blättern zurückzieht und die Astenden verkorkt, so tlaß die Blätter ohne Schädigung des Organismus abfallen können, während die Gräser, gemäß ihren andern Wachstumsbedingungen und den andern Funktionen, die ihre Blätter erfüllen» anders verfahren. Ebenso kann z. B. die Frage: »Warum denn die Sonse abends untergehe?*, nicht mit zwei Worten beantwortet werden. Die Natur sehen lernen, das heißt also nichts andres als dies: in genauer Beobachtung Fraglichkeiten erkennen und sie in der Theorie der zugehörigen Wissenschaft messen oder zur Lösung bringen. Dieser Prozeß, der von der Fraglichkeit eines Gegenstandes durch seine Beziehung zu einer Wissenschaftstheorie auf den Begriff, nämlich das Begreifen des Gegenstandes führt, um von diesem Begriffenen aus die Theorie fester zu gründen und zu erweitern und aus der also erweiterten neue Fraglichkeiten aufzurollen, dieses Wechselspiel ins Unendliche zwischen Frage, Lösung im Sinne einer Theorie, aus der eine neue Frage und nicht erweiterte Lösung hervorwächst, nennen wir Wissenschaft, eben weil in dem unendlichen Prozeß sich die Wahrheit entfaltet So erweist sich zugleich in dem Bezug von Erziehung und Wissenschaft als ein Grundprinzip aller Pädagogik: Wo erzogen wird, da werden Fragen gestellt, ob es sich nun um die Frage handelt, was Granit sei» oder was «lügen* sei. Ethische Fragen nämlich werden stets ganz zu Unrecht von den andern wissenschaftlichen getrennt. Denn erst wenn immer aufs neue gezeigt ist, daß nur wissenschaftlich begründete Antworten, nämlich sofern sie auf Wahrheit Anspruch machen, überhaupt Sinn haben, kann anschaulich gemacht werden, in welcher Meinung einer, der um persönlichen Vorteils» um eigener Ueberlegenheit oder Rechthaberei willen die Wahrheit entstellt, unwahrhaftig und ein Lügner genannt werde. Solche gründlich erwägende pädagogische Wissenschaftsarbeit aHein gibt also auch die Möglichkeit, über seichtes Geschwafel, über protzende und eitle Verlogenheit hinweg zu jener sachlichen und tiefen und eindringlichen Klarheit zu gelangen, die zwar nicht das letzte» aber sicher eines der wesentlichsten Ziele jedes Unterrichts, jeder Erziehung sein muß; denn das sorgsam erarbeitete Können und die überschauende Gewißheit allein verleiben die ruhige Sicherheit der Haltung» welche auch den Irrtum einzugestehen vermag, weü sie nicht eitel genug zu sein braucht» ihn zu leugnen, und weil ihre Absicht sich nicht auf die Sicherung der schwankenden persönlichen Würde, sondern auf Wahrheit richtet. Und so ist es das Bewußtsein der eigenen objektiven Leistung, welches allein den nur zu oft geübten Ueberlegenheitsspielen den Garaus macht und die erwünschte Sicherheit verleiht 140