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Blau-Weiss-Blätter · 1921-05-01 · 8-10 (5.1921) · p. Seite 137

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Journal
Blau-Weiss-Blätter
Volume
2 (1920-1921)
Issue
8-10 (5.1921)
Date
1921-05-01
Page
Seite 137 (sequence 7)
Language
German
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V. Es blieb am Anfang die Frage offen, wo denn in der Landschaft beacbtbare Einzelheiten seien, deren Besonderheiten und deren Einordnung in fax Ganze in dem Sinne einer Prüfung wert wären, daß sie uö3 die Einheit tsea und in einer tieferen Schicht sehen lehrten. Denn so bemühen wir uns c*och um das Verständnis jeder Ganzheit, daß wir Einzelheiten sehen tonen» um dann die Beziehungen zu verstehen, die sie zu einem geordneten Oinxen verknüpfen; und dieses also seiner Ordnung nach erfaßte Ganze gibt eoa seinerseits von dem Einzelnen einen immer aufs neue vertieften Begriff. Hvlt auf diese Weise ist \ also auch das Verständnis der Natur zu erlangen. Das, was man in der Natur zuerst sieht, ist vielleicht ein sanfter Farbenjsssammenklang oder eine romantische Gruppierung, die aufs angenehmste überuschen. So wird dem Großstädter die Natur im wesentlichen an einigen schonen Aussichtspunkten offenbar, nämlich dort, wo er etwas besonders Auftilliges zu unterscheiden und also zu sehen vermag: einen Wasserfall, seltsame Fdsgruppen, eine schöne Ruine, oder den ungewohnten Anblick von einem hoben Berge hinab, während für ihn an weniger auffälligen Stellen, wo nur Bisse, Sträucher, Wiesen und Bäche zu sehen sind, eben nichts zu sehen ist, <U er nichts Besonderes unterscheiden kann. Der etwas Erfahrenere vermag dagegen schon' mehr zu sehen, weil er mehr unterscheidet: ihn entzückt der oaeediiehe Wechsel, ffa sich etwa Laub- und Nadelwälder, bunte Wiesen und Getreideflächen von einander abheben. Oder er versteht bereits malerische Einzelheiten mit einem Blick zu umfassen; er unterscheidet und verbindet die Ugcrode Masse der Berge und die bewegte, leichter gegliederte der Wolken ah Hintergrund mit. den Linien einer Baumgruppe oder eines wohlgeordneten Dorfes und die bewegte Farbigkeit der Lichter und Schatten in einem Bilde. So wird er, aufmerksam betrachtend, allmählich auch dort sehen lernen, wo für den Ungewohnten nichts Landschaftliches mehr zu sehen ist, etwa im Hebel oder im Schnee, wo die Ruhe eines einzigen Grau oder Weiß das Vielerlei zusammenfügt, wo nur hellere oder dunklere Linien das Ganze gliedern und die große Farbe über alles Gegliederte hinweg das Auge ins Unendliche führt. Hier aber, wo sieb der Sinn, vom Kunstwerk her geschult, noch allein durch große Linien fiberwältigen läßt, und das rein Malerische der Landschaft bei feiner letzten Entfaltung angelangt ist, beginnt erst die Erziehung, die recht eigentlich zum Verständnis der Natur führt. Denn wo man zunächst nur so ganz im allgemeinen die Linien der Baumgruppen mit Bergesmassen und Wolken verbindet, da ist im Grunde, nämlich gründlich, noch nichts erfaßt Erst wenn man die ganz besondere und einmalige Gestaltung dieser Bäume begreift, vermag man weiter zu dringen, bis langsam durch den malerischen Sealeier hindurch das individuelle Gesicht des Baumes sichtbar wird. Wie der Baum unter den besonderen Forderungen seiner Art auf diesem Boden, unter diesen Sonnen- und Wasserverhältnissen seine Wurzeln breitet, seinen Stamm achtet, seine Krone gestaltet, das zu wissen ist notwendig, um sie zu erkennen. Denn der Baum ist abhängig vom Licht und vom Klima, vom Boden und von den Bakterien, kurz von tausenderlei Kräften, die ihn gemäß den Gesetzen seiner Art beeinflussen. Und wo die reichliche Sonne fehlt, da krümmt und windet er sich, um ein paar Strahlen zu gewinnen, und wo zuviel des steilen Lichtes hinfällt, da zieht er die Blätter und Zweige an, daß es unschädlich hinab- 137

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