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Blau-Weiss-Blätter · 1921-05-01 · 8-10 (5.1921) · p. Seite 136

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Journal
Blau-Weiss-Blätter
Volume
2 (1920-1921)
Issue
8-10 (5.1921)
Date
1921-05-01
Page
Seite 136 (sequence 6)
Language
German
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\ Griechen erzählen, wie Demeter, die Mutter der Erde, dunkel gswandet not wehklagend über die Felder hin im Lichte geschwungener Fackeln ihre von* Hades geraubte Tochter sucht, sondern voll des gleichen Lebens, das sie selber lebten. Bis in die alltäglichsten Verästelungen der hellenischen: Kultur ist diese Haltung des Bewußtseins zu finden, aus welcher der hohe Gedanke des Kosmoj erwuchs, als der einen Welt, gebildet durch die eine Ordnung im Schmucke der einen Schönheit. Aber daß nicht hieraus aufs neue die Fabel von ihrer ewigen Heiterkeit entstehe, sei mit wenigen Worten bedeutet, wie dieses Gesetz auch unentrinnbar und unvermeidlich über den Menschen waltete, und de? Verständige möge hier ahnen lernen, welche Gewalt die Griechen Schicksal nannten. — So darf man also begründeter Weise aussprechen, daß dieses Volk nicht, wie man es ihm nur zu oft nachsagte, eine spinozistische oder paüfhei» stlsche Religion hatte, sondern es lebte in einer innigen Weise mit der Natur* die einzigartig und durch ein Schlagwort garnicht zu erschöpfen ist, die vielmehr ganz einfach, wie sie eben war und wie es die Weite des Begriffs der physis kundtut, verstanden werden will. IV Es liegt nun aber die Gefahr der geschichtlichen Untersuchung stets darin, daß entweder der Forschende am unrechten Ort sich selbst und seine Welt der früheren zu Grunde legt, oder daß er ins Gegenteil umschlagend dort, wo sich ihm Fremdheiten und Ungewohntes in den Weg stellen, eilfertig die Brücken abbricht und erklärt, da sei kein Weg des Verständnisses mehr, indes doch vielleicht eine sorgsam abwägende Arbeit gerade aus dem Ungewohnten vieles Förderliche an den Tag bringen könnte. Was nun die Griechen anlangt, so begeht ein großer Teil selbst der gewissenhaftesten Forscher, durch die engen Beziehungen verführt, welche die europäischen Kulturrethen mit der griechischen gleichsam als dem wichtigsten Ausgangspunkte ihrer Tradition verbinden, den Fehler, das uns Eigentümliche auch für jene vorauszusetzen, während die minder sorgfältigen, die uns gerne durch Rätsei zum Erstaunen bringen, mehr dem zweiten Fehler verfallen. Wer indessen mit feinerem Gehör begabt und durch wohlerwogene Grundsätze gefeit den mittleren Weg einschlägt, dessen Schilderung wird das Vergangene, eben indem er es uns in seiner vollen Eigenart, in seiner Fremdheit selbst, vors Auge bringt, zur Gegenwart erheben. Und wer auf solche Weise dazu gelangt, das Vergangene nes zu erfassen, füllt es, zugleich selbst aufs angenehmste vorwärts geführt, mit neuem Leben. Mtg also auch zunächst noch garnicht einsichtig sein, was für Förderung dem „Sehen in der Natur* durch den ausführlichen Hinweis auf die griechische Anschauungsweise geworden sei, so soll hier zunächst die Bemerkung genügen, daß einer, der sich den Sinn dieser anderen Haltung eindringlich zur Vorstellung gebracht hat, von jener bloß landschaftlich gegenüberstellenden Betrachtung her mindestens auf den Weg zum Verständnis eine» Neuen gelangt ist; denn es muß daraus zunächst klar geworden sein: Du Sehen in der Natur ist keineswegs eine so ganz und gar einfache Sache» dl es in eins geht mit der Art, wie man sich selbst und wie man die Welt überhaupt sieht, da es, mit einem Worte gesagt, im engsten Bezug zu der gesamten Eigentümlichkeit einer Kultur steht. So wird es also auch notwendig sein» daß die Erfassung der Natur, gleich der jeden andaren Kulturgutes» in Bereich der Erziehung tritt. 136

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