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Blau-Weiss-Blätter · 1921-05-01 · 8-10 (5.1921) · p. Seite 135

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Blau-Weiss-Blätter
Volume
2 (1920-1921)
Issue
8-10 (5.1921)
Date
1921-05-01
Page
Seite 135 (sequence 5)
Language
German
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Alle die vielen Konstruktionen und Auslegungen der griechischen Hinterlassenschaft verderben zumeist den tieferen Sinn der griechischen Gebärde, weil sie dieses außer acht lassen: daß ein Hellene sich niemals seiner selbst als eines ganz und gar Abgesonderten, schroff gegen den andern Gestellten bewußt zu werden vermocht hätte, sondern in diesem Bewußtsein empfand sich über alle Unterschiede und Gegensätze hinweg der Eine mit dem Andern und der Welt ganz stark als Eines, nämlich umfangen von der einen und ewigen Ordnung des Alls. In diesem Gedanken des Kosmos lebend blieb ihm also auch die Frage fern, mit der die neuere Zeit sich quält: Hier einsam das Ich, dort fremd das A1L Und noein, phronein, Denken überhaupt war ihnen nicht, wie es heutzutage vielfach erscheint, eine subjektive Fähigkeit des Einzelnen, sondern eine Gesetzlichkeit und Ordnung. So erklärt es sich, daß Plato auf dem Höhepunkte der griechischen Tradition nicht, wie wir es gewöhnt sind, die Frage nach der Erkenntnis des Guten und der Wahrheit stellt, hier das ernennende Ich, doit die dunkel zu erkennende Welt, sondern seine Frage geht auf des Sein des Guten und der Wahrheit, das ein Sein ist, wie das Sein der Menschen, der Zahl oder der Idee „ist*. Daß sie mit dem gleichen lebendigen Bbck, mit dem sie den Olympischen Wettfcaispf erfaßten, auch den Baum und den Berg und den Himmel belebten, daß ihnen diese Natur ebensowenig zur Landschaft sich gegenüber, zum bloßen überwältigenden Anblick wurde wie der Lauf der Jünglinge, die Volksversammlung, däs aOtägliche Durcheinander des Piräus oder die Tragödienspiele, das sind für unser Bewußtsein Geheimnisse ihrer Haltung, die erst von solchen Gedanken aus offenbar werden. Wir wollen doch nie vergessen, daß ihre Statuen nicht dazu geformt wurden, um in Museen für sich allein einen schönen Anblick zu bieten, sondern daß ihr Sinn sich erst erfüllt, wenn sie durch eine ganz bestimmte Umgebung zu dem täglichen Leben Beziehung gewinnen, sei es als Götterbilder in den Tempeln, sei es als Schmuck der Straßen und Häuser, So bleibt auch die Bedeutung der Pindarschen Hymne auf die Sieger im Wertkampf bei a-ler Pracht der Sprache und der Rhythmen zweifelhaft und leer, solange man Sieger zu loben gewöhnt ist um des schönen Anblicks, der guten Haltung willen, weil sie in einer Art von Schaustellung gesiegt, wie es unsere •sportlichen* Veranstaltungen meist sind, oder um der meßbaren Höchstleistung willen, die &e den gespannten Nerven der Zuschauenden geboten Er aber preist sie, weil das siegreiche Leben besingenswert ist, weil der Dichter, dem ein Gott die Gabe veilieh, die* freudige Pflicht hat, das außercrdentliche Leben im Himmtl und auf der Erde um seiner selbst willen zu erhöhen. Und zugleich bestätigen uns diese Gesänge, wie wenig es dem Griechen auf den einzelnen so und so gearteten Renschen ankam; denn sie rühmen den Siegreichen um der objektiven Leistung, um des Sieges willen, nicht wegen seiner persönlichen Vorzüge; sie besingen ihn bei aller Verschiedenheit aus der gleichen Einstellung heraus, aus der Homer die Irrfahrten des Odysseus oder die Rast ung des Achilleus, das Werk des Hephaistes, besingt.*) So ist es auch seinem uripifingUchen Sinne nach ebensowenig ein Bild, wie ein Symbol, wenn die ~-.' #) 2* aUedem dient als überaus wertvolle Ergänzung und neue Verliefung Scaülera Aufsatz: „Ueber naive und senümemafoche JLMchmng." 135

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