Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 2 (1920-1921)
- Issue
- 8-10 (5.1921)
- Date
- 1921-05-01
- Page
- Seite 134 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Indessen ist es gerade diese Notwendigkeit, den schwankenden malerischen Wert der Bilder, nicht aber den stets gleich erscheinenden der Landschaft sorgfältig abzuschätzen, die zum mindesten einen starken Anstoß zur Prüfung der einzelnen Gestalt des Bildes auf die Bcatheit ihrer besonderen Darstellung und auf ihre Einordnung in das Ganze hin gibt. Denn aus der Beachtung des Einzelnen erwä chst ja erst allmählich die Einsicht in den Wert des Kunstwerks. Vor der Landschaft hingegen bleibt sogar die Frage offen, wo denn hier beacTiihare Einzelheiten seien, deren besondere Haltung und deren Einordnung in das Ganze in dem Sinne einer Prüfung wert wären, daß sie uns die Einheit neu lind in einer tieferen Schicht sehen lehrten; da sind immer wieder Sträucher und Seen und Blumen, zwar in mannigfachen Arten und Schattierungen, aber der Strauch bleibt ein Strauch, die Blumen sind Blumen und der See ist ein See, was könnte man da noch sehen lernen? Und das alles in seiner Gesamtheit, eben die Landschaft, scheiat unmittelbarer zu überwältigen, als das Kunstwerk. II Es ist heutzutage eine Selbstverständlichkeit daß man wandernd die Natur in ihrer Schönheit, d. h. unter ästhetischen Gesichtspunkten, nämlich als Landschaft, auffaßt. Indessen macht man sich nur selten klar, daß diese Anschauungsweise erst ganz allmählich in den Jahihunderten der Renaissance zum Durchbruch kam. Man pflegt von dieser Zeit als dem Alter der erwachenden Individualität zu sprechen, und es soll damit gesagt sein, daß hier zu allererst. Persönlichkeiten nicht nur die ernstesten Rollen spielten, sondern sich überdies ihrer selbst als einer abgeschlossenen Einzigartigkeit bewußt wurden. Dieses Bewußtsein nun, das heutzutage unbedenklich als die selbstverständliche Haltung des Menschen überhaupt gilt, das in Wahrheit erst die Haltung der neueren Zeit bestimmt, dieses Bewußtsein des schroff in sein Schicksal gebannten Ich, dem jedes Du, dem die ganze Welt wie durch einen Abgrund getrennt gegenübersteht, schuf recht eigentlich erst die Natur zur Landschaft um. Denn es ist die stille Voraussetzung jedes landschaftlichen Sehens, daß der Betrachtende sich gegenüber jenseits seiner selbst ein Etwas anschaue, das von seinem Ich stets in gemessener Perne bleibt, Erst als die Natur wie ein dem Menschen gegenüber liegendes Bild angesehen wurde, konnte man auf den Gedanken kommen» sie im Bilde wiederzugeben, den dreidimensionalen Naturraum auf die Bi dfiäche zu übertragen, den Bildraum perspektivisch zu erweitern und seit dieser Zeit sah man nun, umgekehrt den Naturraum als Bildraum deutend, die Natur als Landschaft. Indessen ist es notwendig, um das Selbstverständliche als bloße Eigentümlichkeit der neueren Zeit aufzuweisen, in der Darstellung einer andern Stufe des Bewußtseins und daraus folgend des Natursehens die eigene Alt cjeutlieh werden zu lassen. III. Jedem, der in die bewundernswerte Welt der Griechen einzudringen vermochte, mußte es auffällig erscheinen, aus welchem Grunde diese Menschen, die doch im innigsten Vereine mit der Natur lebten, eigentlich niemals eine Landschaft schilderten, geschweige, daß sie för den ungekannten Begriff ein Wort besaßen. Aber ebenso sonderbar ist es, daß diese Kultur, die doch an eigengearteten und starken Persönlichkeiten reich war, den Begriff der Persön* lichkeit nicht kannte. 134